{"id":462,"date":"2018-06-24T14:27:46","date_gmt":"2018-06-24T14:27:46","guid":{"rendered":"http:\/\/freiheitsdenkmal-leipzig.de\/?page_id=462"},"modified":"2022-08-22T08:07:32","modified_gmt":"2022-08-22T08:07:32","slug":"chronik-des-jahres-89","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/freiheitsdenkmal-leipzig.de\/en\/chronik-des-jahres-89","title":{"rendered":"Chronik des Jahres 89"},"content":{"rendered":"<style type=\"text\/css\" data-created_by=\"avia_inline_auto\" id=\"style-css-av-8ekby-f9f4a25bc420927b00bc62c581ae8a8d\">\n.flex_column.av-8ekby-f9f4a25bc420927b00bc62c581ae8a8d{\nborder-radius:0px 0px 0px 0px;\npadding:20px 0px 0px 20px;\n}\n<\/style>\n<div  class='flex_column av-8ekby-f9f4a25bc420927b00bc62c581ae8a8d av_four_fifth  avia-builder-el-0  avia-builder-el-no-sibling  first flex_column_div'     ><p>\n<style type=\"text\/css\" data-created_by=\"avia_inline_auto\" id=\"style-css-av-7ytz2-b868860afc2368c2117869b1524388b7\">\n#top .av-special-heading.av-7ytz2-b868860afc2368c2117869b1524388b7{\npadding-bottom:10px;\n}\nbody .av-special-heading.av-7ytz2-b868860afc2368c2117869b1524388b7 .av-special-heading-tag .heading-char{\nfont-size:25px;\n}\n.av-special-heading.av-7ytz2-b868860afc2368c2117869b1524388b7 .av-subheading{\nfont-size:15px;\n}\n<\/style>\n<div  class='av-special-heading av-7ytz2-b868860afc2368c2117869b1524388b7 av-special-heading-h2 blockquote modern-quote  avia-builder-el-1  el_before_av_hr  avia-builder-el-first  av-thin-font'><h2 class='av-special-heading-tag'  itemprop=\"headline\"  ><strong>Chronik des Jahres 1989<\/strong><\/h2><div class=\"special-heading-border\"><div class=\"special-heading-inner-border\"><\/div><\/div><\/div><br \/>\n\n<style type=\"text\/css\" data-created_by=\"avia_inline_auto\" id=\"style-css-av-jitvinyv-e2d26560f0791766362da249e827d0fc\">\n#top .hr.hr-invisible.av-jitvinyv-e2d26560f0791766362da249e827d0fc{\nheight:50px;\n}\n<\/style>\n<div  class='hr av-jitvinyv-e2d26560f0791766362da249e827d0fc hr-invisible  avia-builder-el-2  el_after_av_heading  el_before_av_textblock'><span class='hr-inner'><span class=\"hr-inner-style\"><\/span><\/span><\/div><br \/>\n<section  class='av_textblock_section av-jisxc5ux-5cf8e3f8257a84e2e02e3cfecfa84bf8'   itemscope=\"itemscope\" itemtype=\"https:\/\/schema.org\/CreativeWork\" ><div class='avia_textblock'  itemprop=\"text\" ><div class=\"main_color container_wrap_first container_wrap fullsize\">\n<div class=\"container\">\n<div class=\"post-entry post-entry-type-page post-entry-481\">\n<div class=\"entry-content-wrapper clearfix\">\n<div class=\"flex_column_table av-equal-height-column-flextable -flextable\">\n<div class=\"flex_column av_four_fifth flex_column_table_cell av-equal-height-column av-align-top first avia-builder-el-0 avia-builder-el-no-sibling\">\n<p><strong>JANUAR 1989<\/strong><\/p>\n<section class=\"av_textblock_section\">\n<div class=\"avia_textblock\">\n<p>1.1. Mit Jahresbeginn tritt eine neue \u201eReiseverordnung\u201c in Kraft, die erweiterte M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Privatreisen in den Westen bzw. auf st\u00e4ndige Ausreise vorsieht.<\/p>\n<p>2.1. Nach 28 Jahren Verbannung kehrt der litauische Titularbischof Julijonas Steponavicius nach Wilna zur\u00fcck. Er war von 1960 bis 1973 offiziell Apostolischer Administrator und lebte seit 1961 in der litauischen Grenzstadt \u017dagar\u0117 in der Verbannung. Nach seiner R\u00fcckkehr \u00fcbernimmt er am 10. M\u00e4rz 1989 das Amt des Erzbischofs von Vilnius.<\/p>\n<p>3.1. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums registrieren die Aufnahmelager in der Bundesrepublik im Jahr 1988 mit 39.832 \u00dcbersiedler aus der DDR doppelt so viele wie im Vorjahr (1987: 18.985). Die Zentrale Erfassungsstelle in Salzgitter ver\u00f6ffentlicht ihre Bilanz f\u00fcr 1988. Danach sind insgesamt 1.232 Gewaltakte gegen B\u00fcrger in der DDR registriert worden. Die von den L\u00e4ndern gegr\u00fcndete Beh\u00f6rde hatte 1961 ihre Arbeit begonnen. Bis zu ihrer Schlie\u00dfung 1992 wurden \u00fcber 40.000 Aktenordner angelegt, in denen Informationen \u00fcber das in der DDR begangene Unrecht gesammelt wurden. Dazu z\u00e4hlten politische Urteile, Misshandlungen, Verschleppungen und Denunziationen sowie die Todesf\u00e4lle an der innerdeutschen Grenze.<\/p>\n<p>4.1. Der US-amerikanische Pr\u00e4sident Ronald Reagan stimmt der geplanten \u201eKonferenz \u00fcber die menschliche Dimension der KSZE\u201c in der sowjetischen Hauptstadt Moskau zu. Damit ist nach Ansicht von Beobachtern eines der letzten Hindernisse f\u00fcr die Abfassung des Abschlussdokuments beim KSZE-Folgetreffen in Wien beseitigt. Die polnische KP-Wochenzeitung \u201ePolityka\u201c druckt erstmals ein Interview mit dem Vorsitzenden der verbotenen Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107, Lech Walesa. Mehrere hundert afrikanische Studenten treten in Peking \u2013 wie schon ihre Kommilitonen in anderen chinesischen St\u00e4dten \u2013 in einen Vorlesungsstreik. Sie werfen den Chinesen Rassendiskriminierung vor.<\/p>\n<p>5.1. Die evangelische Kirchenleitung in Ost-Berlin verurteilt die Ende 1988 entdeckten Abh\u00f6reinrichtungen in der Dienstwohnung von Pfarrer Rainer Eppelmann als Eingriff in das Seelsorgegeheimnis und stellt \u201eStrafantrag\u201c gegen Unbekannt. Ein 34-J\u00e4hriger \u00fcberwindet in Berlin-Lichtenrade die DDR-Sperranlagen. Der s\u00e4chsische Landesbischof Johannes Hempel informiert die Superintendenten \u00fcber die Gr\u00fcndung der \u201eArbeitsgruppe zur Situation der Menschenrechte in der DDR\u201c. Der Superintendent des vogtl\u00e4ndischen Kirchenbezirks Plauen, Thomas K\u00fcttler, erkl\u00e4rt zu den DDR-Verh\u00e4ltnissen: \u201e40 Jahre sind genug!\u201c<\/p>\n<p>6.1. Das SED-Zentralorgan \u201eNeue Deutschland\u201c berichtet unter dem Titel \u201eIch arbeite, weil mein Papa arbeitslos ist\u201c \u00fcber angebliche Kinderarbeit in der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>7.1. Mit mehreren Sch\u00fcssen wird am Kontrollpunkt Drewitz eine Flucht \u00fcber die Berliner Mauer verhindert. In Berlin ber\u00e4t der DDR-weite Arbeits- und Koordinierungskreis \u00fcber Wehrdienstprobleme. Der Kreis geh\u00f6rt zu \u201eFrieden konkret\u201c, dem gr\u00f6\u00dften Netzwerk kirchlicher und au\u00dferkirchlicher Friedens-, \u00d6kologie- und Menschenrechtsgruppen in der DDR.<\/p>\n<p>8.1. In einen \u201eBrief an Christen in der DDR\u201c fordern mehrere Oppositionsgruppen dazu auf, f\u00fcr die DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai eigene Kandidaten aufzustellen.<\/p>\n<p>9.1. Die neueste Ausgabe der Ost-Berliner \u201eUmweltbl\u00e4tter\u201c berichtet, dass es nach dem Verbot der sowjetischen Zeitschrift \u201eSputnik\u201c in der DDR zu zahlreichen Protesten gekommen sei, die bis zu Arbeitsniederlegungen und SED-Parteiaustritten reichten. Mit ihrer Flucht in Bonns St\u00e4ndige Vertretung in Ost-Berlin wollen neun DDR-B\u00fcrger ihre Ausreise in den Westen erzwingen.<\/p>\n<p>10.1. In einem Text, der im Rahmen der \u00d6kumenischen Versammlung f\u00fcr Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch\u00f6pfung erarbeitet wurde, \u00fcben die Kirchen Kritik an den politischen Verh\u00e4ltnissen in der DDR und unterbreiten Vorschl\u00e4ge zu deren Verbesserung.<\/p>\n<p>11.1. In den sp\u00e4ten Abendstunden tauchen in mehreren Stadtteilen von Leipzig Flugbl\u00e4tter auf, in denen f\u00fcr den 15. Januar, dem Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, zu einer Demonstration aufgerufen wird. Noch in der Nacht und an den folgenden Tagen kommt es zu zw\u00f6lf Verhaftungen durch die DDR-Staatssicherheit. In Ost-Berlin verlassen knapp 20 DDR-B\u00fcrger die St\u00e4ndige Vertretung. Ihnen war Straffreiheit und \u00dcberpr\u00fcfung ihrer Ausreiseantr\u00e4ge zugesichert worden.<\/p>\n<p>12.1. Das SED-Zentralorgan \u201eNeues Deutschland\u201c berichtet erstmals \u00fcber Verbrechen, die w\u00e4hrend der Stalin-\u00c4ra in Moskau an deutschen Kommunisten begangen worden sind.<\/p>\n<p>13.1. In Budapest wird die Sozialdemokratische Partei Ungarns wieder gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>14.1. Bei einer Explosion in der Blockgie\u00dferei des Chemiekombinates Bitterfeld wird ein Strafgefangener t\u00f6dlich, zwei weitere werden leicht verletzt; es entstehen f\u00fcnf Millionen DDR-Mark Schaden.<\/p>\n<p>15.1. Rund 500 Personen nehmen auf dem Leipziger Marktplatz an einer nicht genehmigten Kundgebung f\u00fcr Reformen in der DDR teil. Als sich der Demonstrationszug in Bewegung setzt, greifen Sicherheitskr\u00e4fte ein und l\u00f6sen die Versammlung auf. 53 Demonstranten werden festgenommen. Am Abend findet in der Lukaskirche eine F\u00fcrbittandacht f\u00fcr die Verhafteten statt. Zu Andachten und Protestaktionen kommt es auch in mehreren anderen DDR-St\u00e4dten. In Prag kommt es aus Anlass des 20. Jahrestages der Selbstverbrennung von Jan Pallach zu Massendemonstrationen. Die Polizei geht brutal gegen die Demonstranten vor.<\/p>\n<p>16.1. In Leipzig wird der Redner auf der Demonstration des Vortages verhaftet. Die polnische KP beschlie\u00dft die Wiederzulassung der unabh\u00e4ngigen Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107.<\/p>\n<p>17.1. In Wien beginnt die Abschlusstagung des dritten Folgetreffens der Konferenz f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE). Dabei kommen auch die Verhaftungen von Oppositionellen in der DDR im Zusammenhang mit der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 15. Januar in der DDR zur Sprache.<\/p>\n<p>18.1. In der Ost-Berliner Elisabethgemeinde und an 20 weiteren DDR-Orten finden F\u00fcrbitten f\u00fcr die in Leipzig inhaftierten Mitglieder von Basisgruppen teil. Das Ost-Berliner Wochenblatt \u201eDie Kirche\u201c berichtet \u00fcber die Forderung zweier Friedensarbeitskreise in Dresden, sozialen Dienst als Ersatz f\u00fcr den Wehrdienst zuzulassen.<\/p>\n<p>19.1. DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker versichert, die Mauer werde \u201ein 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gr\u00fcnde noch nicht<\/p>\n<p>beseitigt sind\u201c. Die meisten der in Leipzig inhaftierten Mitglieder von Basisgruppen werden freigelassen.<\/p>\n<p>20.1. Bundeskanzler Helmut Kohl und der polnische Ministerpr\u00e4sident Mieczyslaw Rakowski treffen in Bonn zu einem l\u00e4ngeren Gespr\u00e4ch zusammen.<\/p>\n<p>21.1. Mit einem Beitrag aus dem tschechischen KP-Blatt \u201eRude Pravo\u201c informiert das SED-Zentralorgan \u201eNeues Deutschland\u201c erstmals \u00fcber die Demonstrationen von Anh\u00e4ngern der B\u00fcrgerrechtsbewegung Charta 77 Mitte Januar in Prag und \u2013 quasi warnend an vergleichbare Kr\u00e4fte in der DDR \u2013 \u00fcber die Bereitschaft, dagegen mit allen Mitteln vorzugehen.<\/p>\n<p>22.1. In einem offenen Brief k\u00fcndigen mehrere DDR-Oppositionsgruppen eigene Kandidaten f\u00fcr die DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai an.<\/p>\n<p>23.1. Stasi-Chef Erich Mielke \u00e4u\u00dfert in einem Schreiben an die Leiter der Diensteinheiten die Bef\u00fcrchtung, dass das auch im \u201eNeuen Deutschland\u201c ver\u00f6ffentlichte Abschlussdokument der Wiener KSZE-Konferenz von oppositionellen Kr\u00e4ften in der DDR als Ermutigung f\u00fcr ihre Aktivit\u00e4ten angesehen wird und fordert von den eigenen Leuten \u201eh\u00f6chste Wachsamkeit\u201c. Beim Besuch des schwedischen Ministerpr\u00e4sidenten Ingvar Carlsson in Ost-Berlin erkl\u00e4rt SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker, die DDR sei bereit, die Nationale Volksarmee um 10.000 Mann zu reduzieren und die Verteidigungsausgaben um zehn Prozent zu senken.<\/p>\n<p>24.1. Der Leiter der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit Leipzig, Manfred Hummitzsch, kritisiert in einer Dienstbesprechung das \u201eHandeln am Ereignisort\u201c anl\u00e4sslich der Demonstration am 15. Januar als \u201ezu unentschlossen\u201c. Erich Honecker entscheidet das Einstellen der Ermittlungsverfahren gegen die Organisatoren der Demonstration.<\/p>\n<p>25.1. Amnesty International ver\u00f6ffentlicht in London ein Dossier, das der DDR schwere Menschenrechtsverletzungen vorwirft.<\/p>\n<p>26.1. Litauische Republik l\u00f6st Russisch als Staatssprache ab.<\/p>\n<p>27.1. Die DDR-Medien ver\u00f6ffentlichen den Wahlaufruf der Nationalen Front zu den f\u00fcr den 7. Mai geplanten Kommunalwahlen. Darin hei\u00dft es u.a., in der DDR sei seit ihrer Gr\u00fcndung vor 40 Jahren \u201eeine Gesellschaftsordnung mit menschlichem Antlitz\u201c entstanden. Die kirchlichen Basisgruppen in Leipzig begehen den Zweiten Leipziger Rum\u00e4nien-Solidarit\u00e4tstag.<\/p>\n<p>28.1. Vertreter der freien Gewerkschaftsbewegung Solidarno\u015b\u0107 und der polnischen Regierung einigen sich auf Verhandlungen am Runden Tisch.<\/p>\n<p>29.1. In der Dienstwohnung des Ost-Berliner Pfarrers Rainer Eppelmann werden weitere \u201eWanzen\u201c der DDR-Staatssicherheit entdeckt, darunter auch im Amtszimmer des Pfarrers. Auf Initiative des Atomphysikers und Dissidenten Andrej Sacharow wird in Moskau die Gesellschaft Memorial gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>30.1. Mitlieder der Leipziger Friedensgemeinde beantragen die Genehmigung eines Schweigemarsches zum Jahrestag der Ermordung der Geschwister Scholl. Nach staatlichem Druck ziehen sie den Antrag wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>31.1. Der Schweizer Schriftstellerverband fordert die Freilassung des verhafteten tschechischen B\u00fcrgerrechtlers und Schriftstellers V\u00e1clav Havel.<\/p>\n<p><strong>FEBRUAR 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.2. Ungarn nimmt als erster Ostblockstaat volle diplomatische Beziehungen zu S\u00fcdkorea auf. Stasi-Chef Mielke erkl\u00e4rt intern, die DDR habe das KSZE-Abschlussdokument nur aus Angst vor politischer Isolation unterschrieben. Darin genannte \u00bbHelsinki-Gruppen\u00ab w\u00fcrden in der DDR nicht zugelassen.<\/p>\n<p>2.2. Zwischen Umweltaktivisten des Gr\u00fcnen Netzwerks \u201eArche\u201c und Vertretern des DDR-Umweltministeriums findet erstmals ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die umstrittene Verbrennungsanlage f\u00fcr Sonderm\u00fcll in Sch\u00f6neiche s\u00fcdlich von Berlin statt. Vier Mitglieder des Arbeitskreises f\u00fcr Gerechtigkeit und Frieden der Bekenntniskirche Berlin-Treptow werden zu Haftstrafen verurteilt.<\/p>\n<p>3.2. SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker und der schleswig-holsteinische Ministerpr\u00e4sident Bj\u00f6rn Engholm pl\u00e4dieren nach mehrt\u00e4gigen Gespr\u00e4chen in Ost-Berlin f\u00fcr \u201enormale Beziehungen\u201c zwischen dem Bundestag und der DDR-Volkskammer.<\/p>\n<p>4.2. Milit\u00e4rangeh\u00f6rige beider deutschen Staaten treffen sich erstmals au\u00dferhalb einer Man\u00f6verbeobachtung.<\/p>\n<p>5.2. Der 1981 in die Bundesrepublik \u00fcbergesiedelte Schriftsteller Erich Loest schl\u00e4gt \u201eGedenkm\u00e4rsche\u201c f\u00fcr die ehemalige Universit\u00e4tskirche St. Pauli in Leipzig vor.<\/p>\n<p>6.2. Bei seinem Versuch, von Ost- nach West-Berlin zu fl\u00fcchten, wird der 20j\u00e4hrige Schlosser Chris Gueffroy von DDR-Grenzsoldaten erschossen. In Warschau beginnen Gespr\u00e4che zwischen 57 Vertretern von Regierung, Opposition und Kirche am sogenannten Runden Tisch.<\/p>\n<p>7.2. Nach l\u00e4ngerer Pause wird in Genf die Abr\u00fcstungskonferenz fortgesetzt. Dabei dr\u00e4ngt UN-Generalsekret\u00e4r Perez de Cuellar auf z\u00fcgige Arbeit an der Konvention zum Verbot aller chemischen Waffen. Der Solidarno\u015b\u0107-Vorsitzende Lech Walesa sieht zu Beginn der Verhandlungen am polnischen \u00bbRunden Tisch\u00ab Chancen auf Einigung zwischen Opposition und Regierung.<\/p>\n<p>8.2. Die Berliner \u201etageszeitung\u201c (taz) berichtet \u00fcber neu aufgefundene Abh\u00f6ranlagen in der Wohnung des Ost-Berliner Pfarrers Rainer Eppelmann.<\/p>\n<p>9.2. Der Stadtrat von Plauen stimmt der Vereinbarung \u00fcber eine St\u00e4dtepartnerschaft mit dem nieders\u00e4chsischen Nordhorn zu Umweltaktivisten protestieren bei einem Treffen mit Vertretern des DDR-Umweltministeriums gegen die Sonderm\u00fcllverbrennungsanlage Sch\u00f6neiche.<\/p>\n<p>10.2. Die franz\u00f6sische Regierung fordert die tschechoslowakische Regierung offiziell auf, V\u00e1clav Havel aus der Haft zu entlassen.<\/p>\n<p>11.2. Die Sozialistische Arbeiterpartei in Ungarn beschlie\u00dft in einer Sondertagung des Zentralkomitees, ihr Machtmonopol aufzugeben und zum Mehrparteiensystem \u00fcberzugehen.<\/p>\n<p>Auch soll der Stacheldraht an der ungarisch-\u00f6sterreichischen Grenze, der sogenannte der \u201eEiserne Vorhang\u201c, abgebaut und durch eine normale Grenzsicherung ersetzt werden.<\/p>\n<p>12.2. Im Rahmen des deutschen-deutschen Kulturaustausches werden erstmals 220 Kunstwerke des G\u00fcstrower K\u00fcnstlers Ernst Barlach f\u00fcr eine Ausstellung im Landesmuseum von Schleswig aus Ost und West zusammengetragen. Der ungarische KP-Chef Karoly Grosz sieht im Mehrparteiensystem \u201eeine gr\u00f6\u00dfere M\u00f6glichkeit, weniger Fehler zu machen\u201c.<\/p>\n<p>13.2. Mehr als 5.000 vorwiegend junge Leute nehmen in Dresden an einem \u201e\u00d6kumenischen Nachtgebet\u201c zum Gedenken an die Bombardierung der Stadt vor 44 Jahren teil. Danach ziehen sie mit brennenden Kerzen zur Ruine der Frauenkirche.<\/p>\n<p>14.2. Drei DDR-B\u00fcrger durchbrechen mit einem Lkw die Grenzanlagen in Ost-Berlin. Zweien gelingt danach die Flucht durch die Spree, ein Dritter wird festgenommen.<\/p>\n<p>15.2. Die letzten sowjetischen Truppen, die seit 1979 Afghanistan besetzt halten, ziehen ab. Staats- und Parteichef Nadjibullah hat Afghanistan zur Fortsetzung des Kampfes gegen die Mudjaheddin seit dem 5. Februar unter Kriegsrecht gestellt.<\/p>\n<p>16.2. Eine ausreisewillige Potsdamer Familie durchbricht mit ihrem Pkw die Sperre zum Parkplatz der bundesdeutschen Vertretung in Ost-Berlin.<\/p>\n<p>17.2. Die Polnische Presseagentur (PAP) k\u00fcndigt die Gr\u00fcndung einer christdemokratischen Partei in der Volksrepublik Polen an.<\/p>\n<p>18.2. Die evangelische Markusgemeinde in Leipzig stellt die R\u00e4ume ihrer Gemeindebibliothek als \u201eUmweltbibliothek\u201c zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>19.2. In der estl\u00e4ndischen Sowjetrepublik beschlie\u00dft das Pr\u00e4sidium des Obersten Sowjets die Wiedereinf\u00fchrung des Gedenktages an die am 24. Januar 1918 proklamierte unabh\u00e4ngige Republik Estland. Erstmals spricht das estnische Parteiorgan \u201eSowjetskaja Estonia\u201c in diesem Zusammenhang von der \u201eBesetzung Estlands durch sowjetische Truppen 1940\u201c. Bisher war stets vom Gesuch der drei baltischen Staaten um Anschluss an die UdSSR die Rede.<\/p>\n<p>20.2. Die kirchliche Initiativgruppe \u201eAbsage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung\u201c ruft in einem Offenen Brief zu bewusster Teilnahme an den f\u00fcr den 7. Mai geplanten Kommunalwahlen auf. Das Recht zu w\u00e4hlen sollte wahrgenommen und nicht einer Verpflichtung zum Bekenntnis gen\u00fcge getan werden, betonen die zehn Unterzeichner des Schreibens.<\/p>\n<p>21.2. Der Schriftsteller und B\u00fcrgerrechtler V\u00e1clav Havel wird in Prag wegen Rowdytums zu neun Monaten Haft verurteilt.<\/p>\n<p>22.2. Die Bundesregierung bestellt den Leiter der DDR-Vertretung in Bonn wegen der neuerlichen Sch\u00fcsse an der Mauer ein.<\/p>\n<p>23.2. In einem Offenen Brief fordern 21 DDR-Oppositionsgruppen die sofortige Freilassung des tschechischen Schriftstellers und Dissidenten V\u00e1clav Havel.<\/p>\n<p>24.2. Die Sozialistische Arbeiterpartei in Ungarn verzichtet auf ihren in der Verfassung verankerten F\u00fchrungsanspruch. Hamburgs Erster B\u00fcrgermeister Henning Voscherau trifft zu<\/p>\n<p>Gespr\u00e4chen \u00fcber die Elbverschmutzung mit Staats- und Parteichef Erich Honecker zusammen.<\/p>\n<p>25.2. In der georgischen Hauptstadt Tiflis kommt es erstmals zu Demonstrationen gegen den Anschluss Georgiens an die UdSSR vor 68 Jahren.<\/p>\n<p>26.2. Auf dem DDR-weiten Treffen \u201eFrieden konkret\u201c in Greifswald vereinbaren die 171 Vertreter kirchlicher und unabh\u00e4ngiger Basisgruppen eine engere Vernetzung ihrer Arbeit.<\/p>\n<p>27.2. Die US-amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) meldet die Verabschiedung eines offenen Briefes an die Regierung der CSSR mit der Forderung der Freilassung der inhaftierten B\u00fcrgerrechtler durch die Delegierten der Friedens-, \u00d6kologie- und Menschenrechtsgruppen in Greifswald.<\/p>\n<p>28.2. In Halle protestieren 40 Personen mit einem Schweigemarsch gegen die Sch\u00fcsse an der Berliner Mauer.<\/p>\n<p><strong>M\u00c4RZ 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.3. Nach den Oppositionsgruppen fordert auch das PEN-Zentrum der DDR die Freilassung von V\u00e1clav Havel. Der stellvertretende Verteidigungsminister der DDR, Generaloberst Fritz Streletz, k\u00fcndigt im SED-Zentralorgan \u201eNeues Deutschland\u201c die Aufl\u00f6sung von sechs Panzerregimentern an. Die freiwerdenden 600 Panzer sollen in der Volkswirtschaft verwendet oder verschrottet werden.<\/p>\n<p>2.3. Die SED-F\u00fchrung genehmigt allen Leipziger Ausreisewilligen, die sich oppositionell bet\u00e4tigen, die Ausreise in die Bundesrepublik.<\/p>\n<p>3.3. Die DDR-Volkskammer gew\u00e4hrt den st\u00e4ndig in der DDR lebenden Ausl\u00e4ndern das aktive und passive kommunale Wahlrecht. Der als Reformer neu ins Amt gekommene ungarische Ministerpr\u00e4sident Mikl\u00f3s N\u00e9meth erh\u00e4lt w\u00e4hrend seines Antrittsbesuchs bei Michail Gorbatschow die Zusicherung, dass sich die Sowjetunion nicht in die Reformpolitik Ungarns einmischen wird und Ungarn keine neue Invasion wie 1956 f\u00fcrchten m\u00fcsse.<\/p>\n<p>4.3. Polen beginnt mit der angek\u00fcndigten Reduzierung seiner Truppen auf 40.000 Mann bis zum Jahr 1990.<\/p>\n<p>5.3. Der Th\u00fcringer Landesbischof Werner Leich, der auch Vorsitzender des DDR-Kirchenbundes ist, spricht sich f\u00fcr den Verzicht auf die Formel \u201eKirche im Sozialismus\u201c aus.<\/p>\n<p>6.3. Bonn und Potsdam besiegeln ihre St\u00e4dtepartnerschaft. In Wien beginnen die NATO- und Warschauer-Pakt-Staaten Verhandlungen \u00fcber die Reduzierung der konventionellen Streitkr\u00e4fte.<\/p>\n<p>7.3. In Ost-Berlin versucht der gelernte Chemiker Winfried Freudenberg, die Mauer mit einem selbstgebauten Gasballon zu \u00fcberwinden. Dabei kommt er am n\u00e4chsten Morgen beim Absturz \u00fcber West-Berlin ums Leben.<\/p>\n<p>8.3. Die Sowjetunion erkl\u00e4rt sich gegen\u00fcber der UN bereit, k\u00fcnftig in einer Reihe von Streitf\u00e4llen den Internationalen Gerichtshof anzuerkennen. In einem entsprechenden<\/p>\n<p>Schreiben nennt Au\u00dfenminister Eduard Schewardnadse die Konventionen \u00fcber die Verh\u00fctung und Bestrafung des V\u00f6lkermords (1948), \u00fcber die politischen Rechte der Frauen (1952), die Abschaffung aller Formen von Rassendiskriminierung (1965) sowie \u00fcber das Verbot der Folter (1984).<\/p>\n<p>9.3. Regierung und Opposition in Polen einigen sich auf eine radikale Parlaments- und Wahlrechtsreform.<\/p>\n<p>10.3. In Halle werden vier DDR-B\u00fcrger, die in der Bonner Vertretung in Ost-Berlin ihren Wunsch nach \u00dcbersiedlung vorgetragen hatten, zu hohen Haftstrafen verurteilt.<\/p>\n<p>11.3. Die Initiative \u201eFrieden und Menschenrechte\u201c k\u00fcndigt an, k\u00fcnftig DDR-weit zu agieren. Die Leitung des evangelischen Kirchenbundes in der DDR begr\u00fc\u00dft die von der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten angek\u00fcndigten Abr\u00fcstungsinitiativen.<\/p>\n<p>12.3. In Leipzig wird im Beisein von zahlreichen Politikern aus Ost und West die Fr\u00fchjahrsmesse er\u00f6ffnet. Mit einem Fahrradkorso von der Nikolaikirche zum Messegel\u00e4nde demonstrieren 20 Menschen f\u00fcr die Verwirklichung individueller Menschenrechte in der DDR. Die Bundesminister Helmut Haussmann und Oscar Schneider sagen ihren geplanten Besuch der Messe aus Protest gegen die von DDR-Grenzsoldaten zwei Tage zuvor abgegebenen Sch\u00fcsse auf fl\u00fcchtende B\u00fcrger ab.<\/p>\n<p>13.3. Im Anschluss an das w\u00f6chentliche Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche kommt es zu einer Demonstration von rund 600 Ausreisewilligen auf dem Nikolaikirchhof und in der Leipziger Innenstadt. In den folgenden Wochen l\u00e4sst die DDR t\u00e4glich etwa 50 Leipziger in die Bundesrepublik ziehen. In einer Kaligrube nahe der innerdeutschen Grenze in Nordth\u00fcringen wird durch eine Sprengung ein Erdbeben ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>14.3. F\u00fcr die in der CSSR inhaftierten B\u00fcrgerrechtler findet in der katholischen Liebfrauenkirche von Leipzig eine Solidarit\u00e4tsveranstaltung statt.<\/p>\n<p>15.3. In Ungarn nehmen an dem erstmals seit 40 Jahren wieder begangenen Nationalfeiertag \u00fcber 100.000 Menschen teil. In einem Offenen Brief beklagen mehrere kirchliche Basisgruppen und Initiativen die neuerlichen Sch\u00fcsse an der innerdeutschen Grenze.<\/p>\n<p>16.3. Die DDR-F\u00fchrung l\u00e4dt Bundesumweltminister Klaus T\u00f6pfer wegen der Absagen seiner Kollegen Haussmann und Schneider von der Leipziger Messe aus. Mitglieder des Arbeitskreises Solidarische Kirche (AKSK) Th\u00fcringen k\u00fcndigen an, dass sie die DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 boykottieren werden.<\/p>\n<p>17.3. Eine B\u00fcrgerinitiative gegen Giftm\u00fcll aus Wismar \u00e4u\u00dfert gegen\u00fcber dem Kieler Ministerpr\u00e4sidenten Bj\u00f6rn Engholm die Bef\u00fcrchtung, die urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Kartoffelverschiffung in die Sowjetunion errichteten Kai-Anlagen in ihrer Stadt k\u00f6nnten f\u00fcr den M\u00fclltransport aus Westdeutschland ausgebaut werden. \u201eUnser Land hat gen\u00fcgend Probleme mit seinem eigenen M\u00fcll.\u201c<\/p>\n<p>18.3. Der gest\u00fcrzte Moskauer Parteichef und Politb\u00fcro-Kandidat Boris Jelzin k\u00fcndigt vor 10.000 Zuh\u00f6rern die Fortsetzung seines Kampfes f\u00fcr radikale Reformen an.<\/p>\n<p>19.3. Die Synode der mecklenburgischen Landeskirche \u00e4u\u00dfert sich zum Abschluss ihrer Fr\u00fchjahrstagung betroffen \u00fcber die unvermindert hohe Zahl ausreisewilliger DDR-B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Landesbischof Christoph Stier forderte zudem mehr Offenheit in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Mehrere Oppositionsgruppen gestalten f\u00fcr den in der CSSR inhaftierten V\u00e1clav Havel und weitere Charta-77-Mitglieder einen DDR-weiten Solidarit\u00e4tstag.<\/p>\n<p>20.3. Die Initiative \u201eFrieden und Menschenrechte\u201c betont in einer Erkl\u00e4rung, dass der Wunsch nach \u201eGlasnost\u201c und \u201ePerestrojka\u201c schon bis in die SED hinein sp\u00fcrbar sei. Beim w\u00f6chentlichen Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche entrollen Teilnehmer ein Transparent mit der Forderung nach Freilassung der Inhaftierten in der CSSR.<\/p>\n<p>21.3. Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow unterzeichnet ein Dekret, das die Reduzierung der sowjetischen Streitkr\u00e4fte um eine halbe Millionen Mann bis Ende 1990 vorsieht.<\/p>\n<p>22.3. In einer Erkl\u00e4rung rufen die Deutsche Friedensgesellschaft- Vereinigte Kriegsdienstgegner und Vertreter der IG Metall zur massenhaften Kriegsdienstverweigerung auf. Helmut Kohl nennt den Aufruf einen \u201eSkandal\u201c, der IG-Metall-Vorstand distanziert sich von dem Appell.<\/p>\n<p>23.3. Das Christliche Umweltseminar in R\u00f6tha s\u00fcdlich von Leipzig verzeichnet rund 12.000 Unterschriften unter die Initiative \u201eEine Mark f\u00fcr Espenhain\u201c, mit der die umgehende Modernisierung des benachbarten Braunkohleveredelungswerks Espenhain eingefordert wird.<\/p>\n<p>24.3. An den Osterm\u00e4rschen der westdeutschen Friedensbewegung beteiligen sich nach Angaben der Veranstalter 200.000 Menschen.<\/p>\n<p>25.3. In Riga, der Hauptstadt der lettischen Sowjetrepublik Lettland, gedenken erstmals rund 300.000 Menschen mit einem Schweigemarsch der Opfer der stalinistischen Deportationen vor 40 Jahren.<\/p>\n<p>26.3. Bei den Wahlen zum ersten sowjetischen Volksdeputiertenkongress k\u00f6nnen sich die W\u00e4hler erstmals zwischen mehreren Kandidaten entscheiden. Zahlreiche reform-orientierte Politiker werden gew\u00e4hlt. Dem Bundesnachrichtendienst (BND) liegen der \u201eWelt am Sonntag\u201c zufolge Informationen vor, wonach die DDR-F\u00fchrung davon ausgeht, dass bis zu 1,5 Millionen DDR-B\u00fcrger in die Bundesrepublik \u00fcbersiedeln wollen.<\/p>\n<p>27.3. Unter dem Motto \u00bbEuropa ohne fremde Armeen\u00ab findet in Stettin einer der ersten Osterm\u00e4rsche in Polen statt. Dazu aufgerufen hatte die Gruppe \u00bbFreiheit und Frieden\u00ab.<\/p>\n<p>28.3. In Ost-Berlin wird der Bundesb\u00fcrger Gerald Knoch wegen Fluchthilfe-Aktivit\u00e4ten zu sechs Jahren Freiheitsentzug verurteilt. In Hamburg kommen ranghohe Offiziere von Bundeswehr und NVA zu einem zweit\u00e4gigen Meinungsaustausch zusammen.<\/p>\n<p>29.3. Mehr als 100 Mitglieder kirchlicher Basisgruppen in der DDR protestieren in einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung gegen die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen im Iran. Gefordert werden zudem Wirtschaftssanktionen und der Verzicht auf Staatsbesuche, um das Regime in Teheran nicht aufzuwerten.<\/p>\n<p>30.3. Die DDR-F\u00fchrung k\u00fcndigt eine begrenzte Lockerung der Bestimmung f\u00fcr Reisen in den Westen an. Im M\u00e4rz gelingt 5.671 DDR-B\u00fcrgern die Flucht in den Westen; weitere 4.487 Menschen d\u00fcrfen die DDR mit Genehmigung verlassen.<\/p>\n<p>31.3. Am DDR-Grenzkontrollpunkt Drewitz durchbrechen drei M\u00e4nner mit ihrem Pkw die erste Kontrollstelle, fahren gegen eine Sperre und werden verhaftet. Der evangelische Pfarrer Walter-Christian Steinbach aus R\u00f6tha bei Leipzig beklagt in der Ost-Berliner Wochenzeitung \u201eDie Kirche\u201c die Geheimhaltungspflicht f\u00fcr Umweltdaten als \u201eernstes Hindernis\u201c bei der Zusammenarbeit kirchlicher Umweltgruppen mit staatlichen Beh\u00f6rden.<\/p>\n<p><strong>APRIL 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.4. Eine neue Reiseverordnung erm\u00f6glicht Ehepartnern Besuchsreisen zu angeheirateten Verwandten im Westen. Hamburg und Kiel werden in den kleinen Grenzverkehr einbezogen. Als Reaktion auf das DDR-Verbot der sowjetischen Zeitschrift \u201eSputnik\u201c schr\u00e4nkt die Sowjetunion den Bezug von DDR-Presseerzeugnissen stark ein. Dies betrifft u. a. das \u201eNeue Deutschland\u201c (um 50 Prozent, die \u201eTrib\u00fcne\u201c, die \u201eBerliner Zeitung\u201c (um 95 Prozent, die \u201eBZ am Abend\u201c, die \u201eF\u00fcr Dich\u201c und die \u201eJunge Welt\u201c. Bei weiteren Titeln wurde die Lieferung vollst\u00e4ndig eingestellt.<\/p>\n<p>2.4. Vor der in Ost-Berlin tagenden Synode der Berlin-brandenburgischen Kirche \u00e4u\u00dfern zahlreiche Redner massive Kritik an der neuen Reiseverordnung. Sie mahnen zudem eine wirksame Reformpolitik wie in anderen Ostblockstaaten an.<\/p>\n<p>3.4. Aufgrund internationaler Proteste gegen die Erschie\u00dfung von Chris Gueffroy an der Berliner Mauer im Februar 1989 wird der Schie\u00dfbefehl durch einen internen Befehl des Chefs des Hauptstabes und stellvertretenden Ministers, Fritz Strehlitz, ausgesetzt.<\/p>\n<p>4.4. Die Synode der Berlin-brandenburgischen Kirche fordert auf ihrer Fr\u00fchjahrstagung in Berlin, Abh\u00f6raktionen in der DDR generell unter Strafe zu stellen. Au\u00dferdem spricht sich die Synode daf\u00fcr aus, ausgereisten DDR-B\u00fcrgern die R\u00fcckkehr zu erm\u00f6glichen. Der Ost-Berliner Stadtjugendpfarrer Wolfram H\u00fclsemann beklagt vor der Synode, dass die DDR-Beh\u00f6rden auf jugendliche Gewaltt\u00e4ter \u201ev\u00f6llig hilflos\u201c reagierten. In Dresden \u00e4u\u00dfert die s\u00e4chsische Landessynode massive Kritik an den bevorstehenden DDR-Kommunalwahlen.<\/p>\n<p>5.4. In Polen unterzeichnen Regierung und Opposition einen \u201eGesellschaftsvertrag\u201c \u00fcber gesellschaftspolitische Reformen.<\/p>\n<p>6.4. In Bonn tagt die deutsch-sowjetische Wirtschaftskommission.<\/p>\n<p>7.4. In Warschau billigt das polnische Parlament die zwei Tage zuvor erzielten Ergebnisse der Verhandlungen am Runden Tisch und macht damit den Weg f\u00fcr grundlegende Reformen und die Zulassung der Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107 frei. In einem Gespr\u00e4ch mit dem Leiter der Spionageabteilung des sowjetischen KGB (Komitee f\u00fcr Staatssicherheit), Generalmajor Leonid Schebarschin, \u00e4u\u00dfert Stasi-Chef Erich Mielke seine Bef\u00fcrchtungen und \u00c4ngste \u00fcber die sowjetische Reformpolitik und die Ver\u00e4nderungen in Polen und Ungarn. \u201eWir sind besorgt \u00fcber ungen\u00fcgende Entschlossenheit zur Abwehr der Angriffe der Feinde\u201c, betont er. Schebarschin h\u00f6rt sich alle Vorw\u00fcrfe schweigend an und macht Mielke keinerlei Hoffnung, dass sich der Kurs der sowjetischen Reformer \u00e4ndern werde.<\/p>\n<p>8.4. Am Berliner Grenz\u00fcbergang Chausseestra\u00dfe beendet der letzte bekanntgewordene Schusswaffengebrauch an der Berliner Mauer den Fluchtversuch von zwei Jugendlichen.<\/p>\n<p>9.4. Inspektoren aus der Bundesrepublik Deutschland nehmen als offizielle Beobachter an der NVA-Truppen\u00fcbung \u00bbZyklus 89\u00ab teil<\/p>\n<p>10.4. Nach Kontroversen mit der Kirchgemeinde d\u00fcrfen Leipzigs Basisgruppen das w\u00f6chentliche Friedensgebet in der Nikolaikirche erstmals seit August 1988 wieder gestalten. Der Arbeitskreis Gerechtigkeit macht den Anfang vor etwa 900 Besuchern.<\/p>\n<p>11.4. Der SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel trifft in Moskau zu Gespr\u00e4chen \u00fcber Abr\u00fcstungsfragen mit Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow zusammen.<\/p>\n<p>12.4. In Ungarn wird das Politb\u00fcro der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei aufgel\u00f6st und verst\u00e4rkt mit Reformern neu gebildet. Die Lutheraner in Lettland w\u00e4hlen den Rigaer Pfarrer Karlis Gailitis zu ihrem neuen Erzbischof. Er geh\u00f6rt der Gruppe \u201eWiedergeburt und Erneuerung\u201c an, die kompromisslos f\u00fcr eine Politik der Umgestaltung (Perestroika) eintritt.<\/p>\n<p>13.4. Der neue Regierende B\u00fcrgermeister von Berlin, Walter Momper, betont in einer Regierungserkl\u00e4rung: \u201eWir sind gegen die Mauer, die durch unsere Stadt geht, und (\u2026) in unseren K\u00f6pfen.\u201c<\/p>\n<p>14.4. Zum Abschluss viert\u00e4giger Beratungen der \u00f6stlichen Internationalen Bank f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit in Moskau erfahren die DDR-Vertreter, dass sowohl die Sowjetunion als auch die CSSR informelle Kontakt- und Sondierungsgespr\u00e4che \u00fcber einen Beitritt zum Internationalen W\u00e4hrungsfond (IWF) f\u00fchren.<\/p>\n<p>15.4. Im Zuge der Gespr\u00e4che zwischen SPD und SED \u00fcber Menschenrechte kommt auch der Schie\u00dfbefehl an der Mauer und an der innerdeutschen Grenze zur Sprache. Der G\u00f6rlitzer evangelische Bischof Joachim Rogge appelliert in einem Vortrag vor den Synodalen seiner Landeskirche an die SED-F\u00fchrung, sich dem Gespr\u00e4ch \u00fcber Ursachen f\u00fcr die zahlreichen Ausb\u00fcrgerungsantr\u00e4ge zu stellen. Der Tod des als liberaler Reformer geltenden fr\u00fcheren chinesischen Parteichefs Hu Yaobang (1980- 1987) l\u00f6st in China die gr\u00f6\u00dfte Demonstrationswelle seit mehr als zehn Jahren aus.<\/p>\n<p>16.4. 48 DDR-Oppositionelle k\u00fcndigen \u00f6ffentlich den Boykott der bevorstehenden Kommunalwahlen an. In der Dresdner Kreuzkirche zeigen sich knapp 4.000 Teilnehmer eines Gottesdienstes besorgt \u00fcber die geplante Errichtung eines neuen Chemiewerkes zur Herstellung von Reinstsilizium im Stadtteil Gittersee.<\/p>\n<p>17.4. Die polnische Gewerkschaft \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c wird nach jahrelanger Untergrundarbeit wieder legalisiert. Die G\u00f6rlitzer Synode \u00e4u\u00dfert sich besorgt \u00fcber die drohende Zerst\u00f6rung eines Naturschutzgebietes durch den Braunkohletagebau. Am Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche nehmen 900 Besucher teil.<\/p>\n<p>18.4. Die Leipziger SED-F\u00fchrung ber\u00e4t \u00fcber den Einsatz von Kampftruppen gegen oppositionelle Demonstrationen. Westliche Medienvertreter d\u00fcrfen erstmals als Beobachter an Man\u00f6vern der Warschauer-Pakt-Truppen teilnehmen. Mitarbeiter des Arbeitskreises Gerechtigkeit Leipzig und der Umweltgruppe Borna geben eine f\u00fcnfseitige Information \u00fcber ein Atomkraftwerk in der Dahlener Heide heraus.<\/p>\n<p>19.4. Nach Wiederzulassung der polnischen Gewerkschaft \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c sprechen sich alle Fraktionen des Deutschen Bundestages daf\u00fcr aus, den Reformprozess in Polen wirtschaftlich und finanziell zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>20.4. In der UdSSR findet der zweite Wahlgang zum Kongress der Volksdeputierten statt. Zu den Kandidaten geh\u00f6rt u.a. Friedensnobelpreistr\u00e4ger Andrej Sacharow.<\/p>\n<p>21.4. In Peking kommt es aus Anlass der Trauerfeiern f\u00fcr den abgesetzten, reformorientierten F\u00fchrer der Kommunistischen Partei Chinas, Hu Yaobang, zu Massendemonstrationen f\u00fcr mehr Demokratie und Freiheit.<\/p>\n<p>22.4. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Tian\u2019anmen) in Peking fordern Studenten die Freiheit, die Staats- und Parteif\u00fchrung zu kritisieren, und das Recht, unabh\u00e4ngige Interessenvertretungen zu bilden.<\/p>\n<p>23.4. Das B\u00fcrgerkomitee der polnischen Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107 ver\u00f6ffentlicht seine Kandidatenliste f\u00fcr die Parlamentswahlen.<\/p>\n<p>24.4. Der Ost-Berliner Regisseur Konrad Wei\u00df \u00e4u\u00dfert in der evangelischen Wochenzeitung \u201eDie Kirche\u201c massive Kritik an den bestehenden Reisebeschr\u00e4nkungen f\u00fcr DDR-B\u00fcrger. Pfarrer Christian F\u00fchrer verliest beim w\u00f6chentlichen Friedensgebet in Leipzig vor 700 Besuchern den Beschluss der Synode der Landeskirche Sachsen zur bevorstehenden Kommunalwahl. Darin fordert die Synode dazu auf, bei der Wahl die Kabine zu benutzen oder der Wahl fernzubleiben.<\/p>\n<p>25.4. Das Zentralkomitee der KPDSU wird verj\u00fcngt. Zu den 74 ZK-Mitgliedern, die aus Altersgr\u00fcnden ausscheiden, geh\u00f6rt auch der fr\u00fchere Staatschef Andrej A. Gromyko. Parteichef Michael Gorbatschow begr\u00fcndet dies mit den Erfordernissen der sogenannten Perestroika (Umgestaltung).<\/p>\n<p>26.4. In Dresden beginnt das f\u00fcnft\u00e4gige Abschlusstreffen der \u00d6kumenischen Versammlung f\u00fcr Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch\u00f6pfung mit 150 Vertretern von 19 christlichen Kirchen in der DDR. DDR-Verteidigungsminister Heinz Ke\u00dfler weist Forderungen nach Einf\u00fchrungen eines zivilen Wehrersatzdienstes zur\u00fcck. In Stendal werden mehrere Anti-Atomkraft-Aktivisten wegen der Verteilung von Flugbl\u00e4ttern festgenommen, darunter Erika Drees, eine Delegierte der \u00d6kumenischen Versammlung. Ihnen droht ein Verfahren wegen \u00bbBeeintr\u00e4chtigung staatlicher T\u00e4tigkeit\u00ab.<\/p>\n<p>27.4. Der nieders\u00e4chsische Ministerpr\u00e4sident Ernst Albrecht besucht die DDR und trifft mit DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker zusammen. In Dresden tauchen Flugbl\u00e4tter auf, die die bevorstehende Kommunalwahl als Farce verurteilen.<\/p>\n<p>28.4. Der staatliche Rundfunk in Polen sendet erstmals eine Wahlsendung der Gewerkschaft \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c. Auf einer \u201ezentralen Dienstbesprechung\u201c des Stasi-Ministeriums gibt Minister Erich Mielke die Aufhebung des Schie\u00dfbefehls bekannt. Im Rahmen der seit l\u00e4ngerem in Delitzsch bestehenden \u201eGespr\u00e4che um Acht\u201c im Jugendclub Nord wird erstmals eine Flugblatt-Zeitung mit Texten zur Demokratie herausgebracht.<\/p>\n<p>29.4. Die West-Berliner \u201eTageszeitung\u201c (taz) berichtet \u00fcber zahlreiche Eil-Ausb\u00fcrgerungen von Ausreisewilligen im Vorfeld der DDR-Kommunalwahlen.<\/p>\n<p>30.4. Zum Abschluss der \u00d6kumenischen Versammlung f\u00fcr Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch\u00f6pfung regen die christlichen Kirchen in der DDR einen breiten Dialog \u00fcber politische und gesellschaftliche Reformen im Land an. In der Dresdner Kreuzkirche<\/p>\n<p>verabschieden sie zw\u00f6lf Texte, die u.a. mehr Gerechtigkeit und die Umgestaltung des Sozialismus in der DDR gefordert werden. Der s\u00e4chsische Landesbischof Johannes Hempel beklagt gegen\u00fcber dem DDR-Staatssekret\u00e4r f\u00fcr Kirchenfragen, Kurt L\u00f6ffler, dass sich zahlreiche B\u00fcrger vom Staat distanzierten.<\/p>\n<p><strong>MAI 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.5. An der offiziellen Maidemonstration in Leipzig beteiligen sich Mitstreiter der Initiativgruppe Leben mit dem Plakat \u201eWahrheit ist kein Monopol \u2013 offen sein f\u00fcr Alternativen\u201c. Sie bleiben 40 Minuten lang unbehelligt und werden danach zeitweilig festgenommen. Auch in anderen DDR-Orten kommt es zu Festnahmen von Demonstranten. In Leipzig demonstrieren rund 280 Antragsteller f\u00fcr ihre Ausreise. Der Zug wird von der Polizei gewaltsam aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>2.5. Ungarn k\u00fcndigt den Abbau seiner Grenzanlagen zu \u00d6sterreich an.<\/p>\n<p>3.5. Mit Generalinspekteur Dieter Wellershoff trifft erstmals der h\u00f6chste milit\u00e4rische Vertreter der Bundeswehr zu politischen und milit\u00e4rischen Gespr\u00e4chen in Moskau ein. Der deutschst\u00e4mmige Prosaautor Roland Kirsch wird im rum\u00e4nischen Temeswar nach einem Securitate-Verh\u00f6r tot in seiner Wohnung aufgefunden.<\/p>\n<p>4.5. In Leipzig ruft eine Initiative, die zur demokratischen Erneuerung der Gesellschaft beitragen will, mit einem Flugblatt Nichtw\u00e4hler dazu auf, sich am Wahlsonntag (7. Mai) auf dem Markt zu versammeln. Im Aufnahmelager Gie\u00dfen kommen an diesem Tag 345 DDR-\u00dcbersiedler an. Die Aufnahmekapazit\u00e4ten sind ersch\u00f6pft. Davor lagen die Zugangszahlen bei 50 bis 80 Personen pro Tag.<\/p>\n<p>5.5. Der polnische Staats-und Parteichef Wojciech Jaruzelski k\u00fcndigt die Aufhebung aller seit 1980 gef\u00e4llten Urteile gegen Oppositionelle an.<\/p>\n<p>6.5. Auf einer Sitzung in G\u00f6rlitz stimmt die Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen einer Erkl\u00e4rung zu, in der u.a. betont wird, dass sich im Atomzeitalter kein Krieg mehr als Mittel der Politik rechtfertigen lasse.<\/p>\n<p>7.5. Bei den Kommunalwahlen in der DDR entfallen nach offiziellen Angaben 98,85% der Stimmen auf die Kandidaten der Einheitslisten. Von Oppositionellen werden zum ersten Mal bei der Stimmenausz\u00e4hlung fl\u00e4chendeckend Kontrollen vorgenommen, bei denen sie erhebliche Wahlf\u00e4lschungen feststellen und diese publik machen. Bei Schlie\u00dfung der Wahllokale versammeln sich 1.500 Demonstranten auf dem Leipziger Markt. Die Polizei schreitet gegen einen Demonstrationszug ein. 120 Personen werden festgenommen.<\/p>\n<p>8.5. In der Leipziger Innenstadt werden bei einem friedlichen Protestzug von 550 Personen im Anschluss an das w\u00f6chentliche Friedensgebet in der Nikolaikirche elf Personen festgenommen und erst nach Stunden wieder freigelassen. Das ZK der ungarischen KP enthebt den fr\u00fcheren Parteichef Janos Kadar aller \u00c4mter.<\/p>\n<p>9.5. Der mit Berufsverbot belegte Rechtsanwalt Rolf Henrich beklagt auf einer Veranstaltung der \u201eKirche von unten\u201c in Ost-Berlin Machtmissbrauch und fehlende Rechtssicherheit in der DDR. In Leipzig erstattet ein Pfarrer Anzeige wegen K\u00f6rperverletzung aufgrund des<\/p>\n<p>Polizeieinsatzes nach dem Friedensgebet am Vortage. Der SED-Chefideologe Kurt Hager betont, dass Reformen nach sowjetischem Vorbild f\u00fcr die DDR nicht in Frage kommen.<\/p>\n<p>10.5. Vertreter mehrerer kirchlicher Basisgruppen erheben in Eingaben an den DDR-Staatsrat und andere SED-Beh\u00f6rden Einspruch gegen das Ergebnis der Kommunalwahlen vom 7. Mai. Fortan wird in Ost-Berlin und anderen St\u00e4dten an jeden 7. des Monats \u00f6ffentlich gegen Wahlf\u00e4lschung demonstriert.<\/p>\n<p>11.5. Das evangelische Jugendpfarramt in Leipzig berichtet \u00fcber wachsende Besorgnis in der Bev\u00f6lkerung \u00fcber ein Atomkraftwerk, das 34 Kilometer \u00f6stlich der Stadt entstehen soll.<\/p>\n<p>12.5. In West-Berlin wird am 41. Jahrestag an das Ende der von Juni 1948 bis Mai 1949 w\u00e4hrenden Berlin-Blockade gedacht.<\/p>\n<p>13.5. In Peking treten Tausende Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens f\u00fcr Freiheit und Demokratie in einen Hungerstreik.<\/p>\n<p>14.5. Die Leipziger Alternativ-Band \u201eDie Art\u201c darf beim Pfingsttreffen der FDJ vor 10.000 Zuh\u00f6rern auftreten.<\/p>\n<p>15.5. Nach 30 Jahren findet zum ersten Mal wieder ein Gipfeltreffen zwischen der Sowjetunion und China statt. Der Besuch des sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow in Peking wird von Studentendemonstrationen begleitet, die die \u00dcbernahme der Perestroika durch China fordern.<\/p>\n<p>16.5. SED-Planungschef Gerhard Sch\u00fcrer warnt seine Partei vor steigender Westverschuldung, weil dies sp\u00e4testens 1991 zur Zahlungsunf\u00e4higkeit f\u00fchre. Die Ost-Berliner evangelische Wochenzeitung \u201eDie Kirche\u201c beklagt erneut Fremdenfeindlichkeit in der DDR. J\u00fcngstes Beispiel seien \u201eAusl\u00e4nder raus\u201c-Rufe junger Leute in der S-Bahn, ohne dass ihnen Einhalt geboten worden sei.<\/p>\n<p>17.5. Bei der \u00d6kumenischen Versammlung zum Thema \u201eFrieden in Gerechtigkeit\u201c in der Schweizer Grenzstadt Basel beklagen mehrere Kirchenvertreter aus den L\u00e4ndern des Ostblocks das Verhalten der Westeurop\u00e4er, die sich wie die \u201eHerren des europ\u00e4ischen Hauses\u201c auff\u00fchrten. V\u00e1clav Havel wird nach Verb\u00fc\u00dfung der H\u00e4lfte seiner Freiheitsstrafe aus der Haft entlassen.<\/p>\n<p>18.5. Der Sprecher der polnischen Gewerkschaft \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c, Kazimir Wojcicki, beklagt bei einem kirchlichen Treffen in Basel das demokratische Bewusstsein in der DDR als \u201esehr unterentwickelt\u201c. Die DDR sei darum f\u00fcr die Politik der Perestrojka ein \u201eSt\u00f6rfaktor\u201c. Der Nikolai-Kirchenvorstand in Leipzig lehnt in einer Sondersitzung mit dem s\u00e4chsischen Landesbischof Johannes Hempel dessen Versuch ab, die Friedensgebete zu ver\u00e4ndern. Sie werden lediglich in \u201eMontagsgebete\u201c umbenannt. Der Oberste Sowjet in Litauen erkl\u00e4rt das Land f\u00fcr unabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>19.5. In China wird \u00fcber acht Pekinger Bezirke das Kriegsrecht verh\u00e4ngt. DDR-B\u00fcrger fechten die G\u00fcltigkeit der Kommunalwahlen an. Staatssicherheitsminister Erich Mielke weist in einem geheimen Befehl die Leiter seiner Diensteinheiten an, \u201eMa\u00dfnahmen zur Zur\u00fcckweisung und Unterbindung von Aktivit\u00e4ten feindlicher, oppositioneller und anderer negativer Kr\u00e4fte zur Diskreditierung der Ergebnisse der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989\u201c vorzunehmen.<\/p>\n<p>20.5. Der Erfurter Propst Heino Falcke nennt die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Ost und West die derzeit gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr den Frieden in Europa. In Leipzig befassen sich Vertreter von Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen mit aktuellen Vorhaben. Als Beispiele werden der zweite Plei\u00dfe-Pilgerweg und ein Stra\u00dfenmusikfestival, Proteste gegen Verschmutzung und Zerst\u00f6rung der Umwelt sowie der Bau eines Atomkraftwerks bei Leipzig bzw. eines Reinstsiliziumwerks in Dresden.<\/p>\n<p>21.5. Auf einer internationalen Tagung in West-Berlin fordert der ehemalige Regierungssprecher Klaus B\u00f6lling die Streichung des Wiedervereinigungsgebots aus der Pr\u00e4ambel des Grundgesetzes.<\/p>\n<p>22.5. In Leipzig riegelt die Polizei w\u00e4hrend des w\u00f6chentlichen Friedensgebetes die Stra\u00dfen rund um die Nikolaikirche ab. Bei dem anschlie\u00dfenden Versuch von 350 Demonstrierenden, den Kirchplatz zu verlassen, kommt es zu zahlreichen Festnahmen.<\/p>\n<p>23.5. Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker wird mit 86,3% der Stimmen von der Bundesversammlung in seinem Amt best\u00e4tigt. Die Warschauer-Pakt-Staaten fordern eine Aufl\u00f6sung der Milit\u00e4rb\u00fcndnisse.<\/p>\n<p>24.5. Eine sowjetische Historikerkommission r\u00e4umt im polnischen KP-Organ \u00bbTrybuna Ludu\u00ab erstmals die Existenz des geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939 \u00fcber die Aufteilung Polens und des Baltikums ein.<\/p>\n<p>25.5. In der UdSSR wird Parteichef Gorbatschow vom neugeschaffenen Kongress der Volksdeputierten zum Staatspr\u00e4sidenten mit besonderen Vollmachten gew\u00e4hlt. Zu einem Gespr\u00e4ch \u00fcber friedens- und kirchenpolitische Fragen trifft in Ost-Berlin der SPD-Parteivorsitzende und Oppositionsf\u00fchrer im Deutschen Bundestag, Hans-Jochen Vogel, mit der Leitung des evangelischen Kirchenbundes in der DDR zusammen.<\/p>\n<p>26.5. Ein 31-j\u00e4hriger Mann flieht mit einem Ultraleichtflugzeug nach West-Berlin. Mit dem Motordrachen holen zwei M\u00e4nner ihren Bruder aus Ost-Berlin und landen vor dem Reichstagsgeb\u00e4ude.<\/p>\n<p>27.5. Der als radikaler Reformer geltende Boris Jelzin f\u00e4llt bei der Wahl des Obersten Sowjets \u00fcberraschend durch.<\/p>\n<p>28.5. In West-Berlin beginnt eine deutsch-deutsche Lesereihe mit Schriftstellern aus beiden deutschen Staaten.<\/p>\n<p>29.5. Nach dem w\u00f6chentlichen Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche bildet die Polizei erneut einen Kessel und nimmt nach teils gewaltsamen Vorgehen mehrere Beteiligte fest. Der s\u00e4chsische Landesbischof interveniert gegen das Vorgehen der staatlichen Organe. Ein Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der NATO in Br\u00fcssel verabschiedet ein \u201eGesamtkonzept f\u00fcr R\u00fcstungskontrolle und Abr\u00fcstung\u201c.<\/p>\n<p>30.5. Die Berliner Philharmoniker geben erstmals seit dem Mauerbau 1961 in Ost-Berlin ein Konzert.<\/p>\n<p>31.5. Der US-amerikanische Pr\u00e4sident George Bush beendet seinen zweit\u00e4gigen Staatsbesuch in der Bundesrepublik. In Mainz erkl\u00e4rt er unter Verweis auf den Grenzabbau in Ungarn: \u00bbLet Berlin be next!\u00ab<\/p>\n<p><strong>JUNI 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.6. Die DDR-Staatssicherheit informiert die Partei- und Staatsf\u00fchrung \u00fcber oppositionelle Zusammenschl\u00fcsse in den evangelischen Kirchen wie den \u201eArbeitskreis Solidarische Kirche\u201c, die \u201eKirche von Unten\u201c (die den Ansto\u00df zur Kontrolle der Kommunalwahlen gegeben hatte) und die \u201eInitiative Frieden und Menschenrechte\u201c. Diese DDR-weit t\u00e4tigen Gruppen kritisieren die kirchlichen Strukturen und das angepasste Verhalten der Kirchenleitungen gegen\u00fcber dem Staat ebenso wie die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in der DDR und treten f\u00fcr eine \u00d6ffnung und notwendige Ver\u00e4nderung innerhalb der DDR-Gesellschaft ein. Eine ungarische Gesetzesinitiative sieht eine Teilprivatisierung von Grund und Boden in der Volksrepublik vor.<\/p>\n<p>2.6. Das DDR-Au\u00dfenministerium behauptet in einer Erkl\u00e4rung, die Wahlen vom 7. Mai seien korrekt verlaufen. Rund 200 \u00c4rzte und andere Mitarbeiter des Gesundheitswesens in der DDR \u00e4u\u00dfern sich besorgt dar\u00fcber, dass es bislang nur unzureichende Konzepte f\u00fcr den Umgang mit radioaktiver Niedrigstrahlung gibt.<\/p>\n<p>3.6. In einer in Ost-Berlin verabschiedeten Erkl\u00e4rung appelliert die Leitung des evangelischen Kirchenbundes an die SED-F\u00fchrung, die bei den Kommunalwahlen registrierten Unstimmigkeiten korrekt und schnell aufzukl\u00e4ren. Zu den Protesten hei\u00dft es in der Erkl\u00e4rung: \u201eWir verstehen die Emp\u00f6rung, die manche ergriffen hat.\u201c<\/p>\n<p>4.6. In Peking richtet das chinesische Milit\u00e4r ein Blutbad unter Studenten an, die seit Wochen auf dem Platz des Himmlischen Friedens f\u00fcr mehr Demokratie demonstrieren. Die Angaben \u00fcber die Zahl der Toten schwanken zwischen 2.500 und 7.000 Menschen. Dem Massaker schlie\u00dft sich eine breite Verfolgungswelle an. Zu den polnischen Parlamentswahlen sind erstmals Oppositionsparteien zugelassen. Die Gewerkschaft \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c erh\u00e4lt 92 der 100 Senatssitze. In Ost-Berlin begehen kirchliche Basisgruppen den j\u00e4hrlichen Umweltsonntag. Bei Leipzig beteiligen sich nach einem Umweltgottesdienst 900 zumeist junge Menschen trotz staatlichen Verbots am zweiten Plei\u00dfegedenk-Umzug. Zahlreiche Teilnehmer werden zeitweilig festgenommen und sollen hohe Ordnungsstrafen zahlen.<\/p>\n<p>5.6. An dem w\u00f6chentlichen Friedensgebet mit rund 1.250 Besuchern in der Leipziger Nikolaikirche nimmt auch der s\u00e4chsische Landesbischof Johannes Hempel teil. Die Sicherheitskr\u00e4fte halten sich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>6.6. Bei dem Versuch, Protestbriefe gegen das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking an die chinesische Botschaft in Ost-Berlin zu \u00fcbergeben, werden \u00fcber 20 Personen festgenommen.<\/p>\n<p>7.6. Begleitet von einem gro\u00dfen Sicherheitsaufgebot demonstrieren rund 300 Mitglieder kirchlicher und unabh\u00e4ngiger Basisgruppen gegen die F\u00e4lschung der Kommunalwahlen vom 7. Mai. Im Westteil Berlins beginnt ein f\u00fcnft\u00e4giges Kirchentagstreffen, an dem erstmals seit dem Mauerbau 1961 auch eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von DDR-Besuchern mit offizieller Reisegenehmigung teilnimmt.<\/p>\n<p>8.6. In einer Stellungnahme bezeichnet die DDR-Volkskammer das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking als \u201eNiederschlagung einer Konterrevolution\u201c und zeigt Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Einsatz des Milit\u00e4rs. In der Ost-Berliner Gethsemanekirche beklagen die rund 1.500 Teilnehmer eines Gottesdienstes das Vorgehen der DDR-Sicherheitskr\u00e4fte gegen eine Demonstration am Vortag gegen den Wahlbetrug als \u201emassiv, brutal und unangemessen\u201c. An mehreren Orten in den Kreisen Wurzen und Oschatz werden Protestplakate gegen den geplanten Bau eines Atomkraftwerks in B\u00f6rln entdeckt.<\/p>\n<p>9.6. Ungarns Botschafter in der Schweiz, Janosch Haidn, \u00e4u\u00dfert sich auf dem Kirchentag in West-Berlin besorgt dar\u00fcber, dass im Bewusstsein der Bev\u00f6lkerung und dem Handeln der Politiker die europ\u00e4ische Einigung auf Westeuropa beschr\u00e4nkt bleibt.<\/p>\n<p>10.6. Mit einer brutalen Polizeiaktion wird in Leipzig ein Stra\u00dfenmusikfestival beendet. Dabei werden 114 Beteiligte vor\u00fcbergehend festgenommen. Ein Teilnehmer wird per Strafverf\u00fcgung ohne Gerichtsurteil nach \u00a7214 StGB der DDR zu sechs Wochen Freiheitsentzug verurteilt.<\/p>\n<p>11.6. Staats- und Parteichef Erich Honecker nimmt in Greifswald am Gottesdienst zur Wiedereinweihung des evangelischen Doms teil. Zu einem anschlie\u00dfenden Empfang im Greifswalder Rathaus wird lediglich Bischof Horst Gienke, nicht aber Bischof Gottfried Forck (Ost-Berlin) zugelassen, obwohl dieser als Vertreter des DDR-Kirchenbundes nach Greifswald gekommen war. In B\u00f6rln beklagen rund 700 Teilnehmer eines Umweltgottesdienstes die Pl\u00e4ne f\u00fcr ein Atomkraftwerk in der Dahlener Heide. Auch der Friedens- und Umweltkreis Wurzen protestiert mit der Aktion \u201eMobil ohne Auto\u201c gegen den geplanten AKW-Bau.<\/p>\n<p>12.6. Nach dem w\u00f6chentlichen Friedensgebet in Leipzig mit tausend Besuchern kommt es zu einer Demonstration von rund 200 Teilnehmern, die durch Sicherheitskr\u00e4fte aufgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>13.6. In Ungarn nehmen Vertreter der Regierung und der Opposition \u201eGespr\u00e4che am Runden Tisch\u201c \u00fcber die Abhaltung von freien Wahlen auf.<\/p>\n<p>14.6. W\u00e4hrend des Besuchs von Staats- und Parteichef Michail Gorbatschows in der Bundesrepublik werden elf Vertr\u00e4ge \u00fcber die Verbesserung der Beziehungen und der Zusammenarbeit beider Staaten unterzeichnet.<\/p>\n<p>15.6. Zum Abschluss seines viert\u00e4gigen Staatsbesuchs in Bonn erkl\u00e4rt der sowjetische Staats- und Parteichef: \u201eDie Mauer kann wieder verschwinden, wenn die Voraussetzungen entfallen, die sie hervorgebracht haben.\u201c Der von Mitgliedern der Initiative Frieden und Menschenrechte herausgegebene \u201eGrenzfall\u201c dokumentiert einen offenen Brief, der eine \u00f6ffentliche Aufarbeitung des Stalinismus in der DDR fordert. Der Brief tr\u00e4gt 57 Unterschriften.<\/p>\n<p>16.6. Vor der in Halle tagenden Synode der evangelischen Kirchenprovinz Sachsen \u00e4u\u00dfert sich Bischof Christoph Demke entsetzt \u00fcber das chinesische Vorgehen gegen die friedlichen Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Mit der Umbettung der \u00dcberreste des 1958 erschossenen Ministerpr\u00e4sidenten Imre Nagy wird die gescheiterte ungarische Revolution von 1956 offiziell rehabilitiert.<\/p>\n<p>17.6. Am Tag der Deutschen Einheit verweist der SPD-Politiker Erhard Eppler in einer Feierstunde des Deutschen Bundestages auf die \u00bbExistenzangst\u00ab, die sich \u00bbin der F\u00fchrung der DDR\u00ab breitmache und dar\u00fcber, \u00bbwas in Deutschland geschehen soll, wenn der Eiserne Vorhang schneller als erwartet durchrostet.\u00ab<\/p>\n<p>18.6. In einem aus Dresden stammenden \u201eOffenen Brief\u201c verurteilen die 146 Unterzeichner den Wahlbetrug bei den DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai und fordern dazu auf, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. In der Leipziger Markuskirche findet eine Informationsandacht zur chinesischen Demokratiebewegung und deren Niederschlagung statt. Die Teilnehmer eines Seminars in der Kirchgemeinde Berlin-Friedrichsfelde \u00e4u\u00dfern \u201eEntsetzen und Trauer\u201c \u00fcber das Blutbad in Peking.<\/p>\n<p>19.6. Berlins Regierender B\u00fcrgermeister Walter Momper vereinbart mit DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker in Ost-Berlin Reiseerleichterungen f\u00fcr West-Berliner. An das w\u00f6chentliche Friedensgebet in Leipzig mit \u00fcber 1.000 Teilnehmern schlie\u00dft sich ein Schweigemarsch an, der von Sicherheitskr\u00e4ften gewaltsam aufgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>20.6. Der Ost-Berliner Bischof Gottfried Forck \u00fcbergibt im DDR-Staatsrat ein Protestschreiben mit 967 Unterschriften gegen die F\u00e4lschung der Wahlen Anfang Mai. In der Sowjetrepublik Kasachstan kommt es zu blutigen Unruhen.<\/p>\n<p>21.6. In einer Erkl\u00e4rung rufen 25 DDR-Oppositionsgruppen zur Solidarit\u00e4t mit der Demokratiebewegung in China auf. Die Akzeptanz des chinesischen Massakers durch die SED-F\u00fchrung sei Ausdruck genereller Ablehnung von Demokratisierungsbestrebungen.<\/p>\n<p>22.6. DDR-Sicherheitskr\u00e4fte unterbinden in Ost-Berlin die Absicht von rund 50 jungen Leuten, ein Protestschreiben in der chinesischen Botschaft abzugeben. \u00dcber 30 von ihnen werden festgenommen. Auch aus anderen DDR-Orten werden Schreiben bekannt, die die Niederschlagung der Demokratiebewegung in China verurteilen.<\/p>\n<p>23.6. Das zum DDR-Kirchenbund geh\u00f6rende \u00d6kumenisch-Missionarische Zentrum in Ost-Berlin ruft zur F\u00fcrbitte f\u00fcr die Opfer des brutalen Vorgehens gegen friedliche Demonstranten in China auf. In der Ost-Berliner Elisabethgemeinde fordern Mitglieder der \u201eKirche von unten\u201c ein sofortiges Ende der Hinrichtungen und Verurteilungen von Teilnehmern an den friedlichen Demonstrationen in Peking.<\/p>\n<p>24.6. In der \u201eLeipziger Volkszeitung\u201c erscheint ein Hetzartikel gegen Besucher der Friedensgebete. Der Ost-Berliner Bischof Gottfried Forck verurteilt bei einer kirchlichen Veranstaltung in Perleberg das staatliche Vorgehen gegen junge Leute, die mit Erkl\u00e4rungen und Protesten bei der chinesischen Botschaft in der DDR auf die gewaltsame Niederschlagung der Demokratiebewegung in China reagieren wollen.<\/p>\n<p>25.6. In der Ost-Berliner Erl\u00f6serkirche beginnen Mitglieder der evangelischen Jugend mit einem 72-st\u00fcndigen Fastentrommeln gegen die gewaltsame Unterdr\u00fcckung der Demokratiebewegung in China.<\/p>\n<p>26.6. Beim w\u00f6chentlichen Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche protestiert Pfarrer Christian F\u00fchrer gegen die Todesurteile in China und gegen den Artikel der \u201eLeipziger Volkszeitung\u201c. Danach kommt es erneut zu einem Polizeikessel. Sven Kulow wird verhaftet, zusammengeschlagen und bis zur Amnestie im Oktober inhaftiert.<\/p>\n<p>27.6. In einem symbolischen Akt zerschneiden der ungarische Au\u00dfenminister Gyula Horn und sein \u00f6sterreichischer Kollege Alois Mock bei Sopron den Stacheldrahtzaun an der gemeinsamen Grenze. Beseitigt werden nur die Grenzsperren, die Grenzkontrollen bleiben. In der DDR l\u00f6st dies dennoch einen verst\u00e4rkten Urlauber- und Fl\u00fcchtlingsstrom nach Ungarn aus.<\/p>\n<p>28.6. In der Ost-Berliner Samariterkirche nehmen rund 1.500 zumeist junge Leute an einem \u201eKlage-Gottesdienst\u201c gegen die gewaltsame Beendigung der Demokratiebewegung in China teil.<\/p>\n<p>29.6. Die tschechische KP-Zeitung \u201eRude Bravo\u201c droht B\u00fcrgerrechtlern mit dem biblischen Vers \u201eWer Wind s\u00e4ht, wird Sturm ernten\u201c.<\/p>\n<p>30.6. Nach dem Wahldesaster sprechen sich ZK-Mitglieder der polnischen KP gegen die Kandidatur von Wojciech Jaruzelski f\u00fcr das neu geschaffene Amt des Staatspr\u00e4sidenten aus.<\/p>\n<p><strong>JULI 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.7. DDR-B\u00fcrger d\u00fcrfen ab sofort staatliche Entscheidungen zu Reiseangelegenheiten gerichtlich \u00fcberpr\u00fcfen lassen. Nach offiziellen Angaben haben im ersten Halbjahr 1989 rund 39.000 Menschen die DDR mit staatlicher Genehmigung und \u00fcber 5.000 ohne Genehmigung Richtung Bundesrepublik verlassen. Die Leitung des evangelischen Kirchenbundes in der DDR \u00e4u\u00dfert sich best\u00fcrzt \u00fcber das blutige Vorgehen der chinesischen F\u00fchrung gegen die Demokratiebewegung im Lande.<\/p>\n<p>2.7. In der Th\u00fcringer evangelischen Wochenzeitung \u201eGlaube und Heimat\u201c wird die Umweltgef\u00e4hrdung durch industrielle Schweinemast kritisiert.<\/p>\n<p>3.7. In der Leipziger Nikolaikirche findet das letzte Friedensgebet vor der Sommerpause statt. Danach kommt es erneut zu polizeilichen \u00dcbergriffen auf Teilnehmer der w\u00f6chentlichen Andacht.<\/p>\n<p>4.7. Kanzleramtsminister Rudolf Seiters trifft bei seinem Antrittsbesuch in Ost-Berlin mit Staats- und Parteichef Erich Honecker sowie Au\u00dfenminister Oskar Fischer zusammen.<\/p>\n<p>5.7. West-Berlin meldet f\u00fcr das erste Halbjahr 1989 15.000 \u00dcbersiedler vor allem aus der DDR und aus Polen. DDR-Umweltminister Hans Reichelt wird zu Gespr\u00e4chen in Bonn empfangen.<\/p>\n<p>6.7. Zwischen der Bundesregierung und der DDR-Regierung wird eine Umweltvereinbarung zur S\u00e4uberung der Elbe und zur Verringerung der Luftverschmutzung in der DDR geschlossen. In Leipzig beginnt unter dem Motto \u201eWas ist der Mensch, dass du seiner gedenkst.\u201c ein viert\u00e4giger Kirchentag der s\u00e4chsischen Landeskirche, der soziale und politische Konflikte sowie die Forderung nach gesellschaftspolitischen Reformen in der DDR zur Sprache bringt. Parallel dazu gibt es in der Lukaskirche einen \u201eStatt-Kirchentag\u201c, zu dem kirchliche Basisgruppen aus Protest gegen den Ausschluss kritischer Gruppen eingeladen haben.<\/p>\n<p>7.7. Der sowjetische Staats- und Parteichef Gorbatschow gesteht auf der ersten Ostblock-Gipfelkonferenz seit 1968 in Bukarest jedem sozialistischen Staat seine eigene Entwicklung zu. Damit verliert die sogenannte Breschnew-Doktrin \u00fcber die eingeschr\u00e4nkte Souver\u00e4nit\u00e4t der Ostblockstaaten vom November 1968 ihre G\u00fcltigkeit. Eine Demonstration von Berliner B\u00fcrgerrechtlern gegen die Wahlf\u00e4lschung wird von einem massiven Polizeiaufgebot<\/p>\n<p>aufgel\u00f6st. Die innenpolitischen Spannungen und das Anwachsen der Unzufriedenheit pr\u00e4gen den evangelischen Kirchentag in Leipzig. Der s\u00e4chsische Landeshistoriker Karlheinz Blaschke erkl\u00e4rt: \u201eDas Verbleiben in der DDR ist eine nationale Aufgabe, denn auch hier ist ein St\u00fcck Deutschland.\u201c<\/p>\n<p>8.7. Auf der Jahrestagung des Warschauer Paktes kommt es zu heftigen Kontroversen zwischen Reformbef\u00fcrwortern (Sowjetunion, Ungarn, Polen) und Reformgegnern (DDR, CSSR, Rum\u00e4nien).<\/p>\n<p>9.7. Bei der Abschlussversammlung des Leipziger Kirchentages, an der rund 50.000 Menschen auf der Pferderennbahn der Messestadt teilnehmen, demonstrieren Vertreter kirchlicher Basisgruppen gegen Wahlbetrug in der DDR und gegen die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung in China. Danach ziehen rund 1.000 Menschen mit der Forderung nach mehr Demokratie und mehr Offenheit in der DDR zur zwei Kilometer entfernten Peterskirche. Nach einer F\u00fcrbittandacht in der Dresdner Kreuzkirche f\u00fcr die Opfer des Massakers in China werden mehrere Dutzend Teilnehmer vorl\u00e4ufig festgenommen, verh\u00f6rt und mit hohen Geldstrafen belegt.<\/p>\n<p>10.7. Im sibirischen Kohlerevier Kusbass beginnt eine Streikwelle, die am 17. Juli auch auf das ukrainische Donbass- Revier \u00fcbergreift. Die Arbeiter fordern wirtschaftliche Reformen und soziale Verbesserungen. Nach Appellen und Zusagen von Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow klingen die Streiks am 25. Juli aus.<\/p>\n<p>11.07. Der Besuch von US-Pr\u00e4sident George Bush in Ungarn weckt Hoffnung auf wirtschaftliche Hilfe und \u00bbideelle Aufwertung\u00ab.<\/p>\n<p>12.7. In Prag kommt Au\u00dfenminister Hans-Dietrich Genscher mit V\u00e1clav Havel zusammen.<\/p>\n<p>13.7. Der RIAS berichtet \u00fcber die ungewisse Zukunft der DDR-Fl\u00fcchtlinge in der bundesdeutschen Botschaft in Budapest.<\/p>\n<p>14.7. Die Franz\u00f6sische Republik erinnert mit zahlreichen Veranstaltungen in Paris an die Franz\u00f6sische Revolution vor 200 Jahren.<\/p>\n<p>15.7. Der Ost-Berliner Schriftsteller Stefan Heym mahnt bei einer Veranstaltung in der \u00fcberf\u00fcllten Dorfkirche von Berlin-Bohnsdorf mehr Demokratie in der DDR an.<\/p>\n<p>16.7. Laut Zeitungsberichten halten sich etwa 30 DDR-B\u00fcrger in der bundesdeutschen Botschaft in Budapest auf um ihre Ausreise nach Westdeutschland zu erzwingen.<\/p>\n<p>17.7. Ungarn beginnt mit dem Abbau seiner Grenzanlagen zu \u00d6sterreich. Damit werden zahlreiche Fluchtm\u00f6glichkeit f\u00fcr DDR-B\u00fcrger er\u00f6ffnet. Als erster Staat des Warschauer Pakts nimmt Polen diplomatische Beziehungen zum Vatikan auf.<\/p>\n<p>18.7. Auf einer Konferenz des KPdSU-Politb\u00fcros mit regionalen Parteif\u00fchrern erkl\u00e4rt Gorbatschow: \u00bbDie Perestroika hinkt stark hinter den Prozessen in der Gesellschaft her\u00ab.<\/p>\n<p>19.7. Das SED-Zentralorgan \u201eNeues Deutschland\u201c ver\u00f6ffentlicht einen Briefwechsel zwischen dem Greifswalder Bischof Horst Gienke und SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker, in dem die vermeintlich gute Gemeinschaft zwischen Marxisten und Christen in<\/p>\n<p>der DDR beschworen wird. In Polen wird der Chef der Kommunistischen Partei, General Wojciech Jaruzelski, zum Staatspr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>20.7. Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit beklagt in ihrer monatlichen \u00dcbersicht \u00fcber die Lage in den sozialistischen Staaten, dass die Wahl von General Wojciech Jaruzelski zum polnischen Pr\u00e4sidenten nach dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Wahlsieg von Solidarno\u015b\u0107 nur durch Stimmenthaltung von Abgeordneten und Senatoren der Gewerkschaft m\u00f6glich geworden sei, die damit eine Gef\u00e4hrdung des friedlichen \u00dcbergangs zur Demokratie verhindern wollten.<\/p>\n<p>21.7. Der ARD-H\u00f6rfunkkorrespondent in der DDR, Hartwig Heber, berichtet im RIAS \u00fcber den gro\u00dfen Besucherandrang von ratsuchenden DDR-B\u00fcrgern in der Bonner Vertretung in Ost-Berlin. Bis zu 80 Personen k\u00e4men pro Tag, um sich bei den westdeutschen Diplomaten \u00fcber Reisem\u00f6glichkeit nach Westdeutschland oder \u00fcber eine dauerhafte Ausreise aus der DDR zu informieren. Nach UNO-Angaben haben 158.000 Mitglieder der t\u00fcrkischen Minderheit in Bulgarien inzwischen in der T\u00fcrkei Asyl gefunden, nachdem ihnen in Bulgarien die Zwangsassimilation drohte.<\/p>\n<p>22.7. Durch eine Nachwahl kommt erstmals seit 1947 ein Oppositionspolitiker ins ungarische Parlament. Innerhalb von drei Tagen gelingt zehn DDR-B\u00fcrgern die Flucht nach Bayern und Niedersachsen<\/p>\n<p>23.7. Staatssekret\u00e4r Walter Priesnitz vom Bundesministerium f\u00fcr innerdeutsche Beziehungen appelliert an alle DDR-B\u00fcrger, in ihrer Heimat zu bleiben, \u00bbdamit die Wiedervereinigung der Deutschen nicht in der Bundesrepublik\u00ab stattfinde.<\/p>\n<p>24.7. Die beiden evangelischen Pfarrer Markus Meckel und Martin Gutzeit rufen zur Gr\u00fcndung einer Sozialdemokratischen Partei in der DDR auf.<\/p>\n<p>25.7. Der polnische Staatspr\u00e4sident Jaruzelski verweigert der Opposition Regierungsverantwortung unter dem Vorwand, dass dies Staaten wie die DDR misstrauisch machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>26.07. Polen und die Europ\u00e4ische Gemeinschaft schlie\u00dfen ein Abkommen \u00fcber die Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen.<\/p>\n<p>27.7. Laut Beschluss des Obersten Sowjet sollen die drei baltischen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen ab 1990 weitgehende wirtschaftliche Autonomie erhalten. Der kubanische Staats- und Parteichef Fidel Castro erkl\u00e4rt, die Unabh\u00e4ngigkeit und der sozialistische Kurs seines Landes hingen nicht von der Unterst\u00fctzung der Sowjetunion ab. Er beklagt die \u201ekapitalistischen Tendenzen\u201c in einigen Ostblockl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>28.7. Ungarn baut am einstigen \u00bbEisernen Vorhang\u00ab zu \u00d6sterreich 117 der vormals 260 elektrischen Signalanlagen ab.<\/p>\n<p>29.7. Mit einem Festakt im Plenarsaal des Reichstages wird an den 100. Geburtstag des ehemaligen Oberb\u00fcrgermeisters der Westsektoren Berlins, Ernst Reuter, erinnert. Mit seinem Namen sind bis heute die Worte seiner Rede zur Berliner Luftbr\u00fccke von 1948 \u201eIhr V\u00f6lker der Welt \u2026 schaut auf diese Stadt\u201c verbunden.<\/p>\n<p>30.7. In Moskau wird die erste innerparteiliche Oppositionsgruppe \u201eInterregionalen Gruppe\u201c ins Leben gerufen. Bei der Wahl des f\u00fcnfk\u00f6pfigen Pr\u00e4sidiums, dem auch Friedensnobelpreistr\u00e4ger Andrei Sacharow angeh\u00f6rt, erh\u00e4lt der Radikalreformer Boris Jelzin die meisten Stimmen. Der Gruppe geh\u00f6ren etwa 400 Abgeordnete des Volksdeputiertenkongress und 90 des Obersten Sowjets an.<\/p>\n<p>31.7. Der Oberste Sowjet streicht die Tatbest\u00e4nde \u00bbantisowjetische Propaganda und Agitation\u00ab aus dem Strafgesetzbuch.<\/p>\n<p><strong>AUGUST 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.8. Die Zeitungen und Zeitschriften des Axel Springer-Verlages verzichten von nun an auf die Anf\u00fchrungszeichen bei der Nennung der DDR. Der im September 1985 verstorbenen Axel Springer hatte damit den provisorischen Charakter des Staates verdeutlicht wollen.<\/p>\n<p>2.8. Gorbatschow betont die weitgehende \u00dcbereinstimmung mit den Regierungen in Bonn, London und Paris in zahlreichen konzeptionellen Fragen der Abr\u00fcstung und der \u00bbwirtschaftlichen Ann\u00e4herung des Westens und des Ostens\u00ab.<\/p>\n<p>3.8. Einer Meldung der West-Berliner \u00bbtageszeitung\u00ab (taz) zufolge, ist die Sowjetunion zu \u201eersten vierseitigen Vorgespr\u00e4chen auf Arbeitsebene\u201c \u00fcber die Berlin-Initiative bereit.<\/p>\n<p>4.8. In einem in Ost-Berlin bekannt gewordenen Schreiben, das an den Vorsitzenden der atomkritischen \u00c4rzte-Vereinigung IPPNW in der DDR, Professor Moritz Nebel, gerichtet ist, mahnen 67 christliche Mediziner demokratische Mitbestimmungsrechte und finanzielle Eigenst\u00e4ndigkeit f\u00fcr die DDR-Sektion an. Wieder fliehen Dutzende DDR-B\u00fcrger \u00fcber die ungarisch-\u00f6sterreichische Grenze und beantragen in der Bonner Botschaft in Wien einen bundesdeutschen Pass.<\/p>\n<p>5.8. Die DDR-F\u00fchrung nimmt erstmals im DDR-Fernsehen zu den Botschaftsfl\u00fcchtlingen Stellung und r\u00e4umt Probleme ein.<\/p>\n<p>6.8. Die DDR warnt ihre B\u00fcrger davor, ihre Ausreise in bundesdeutschen Botschaften zu erzwingen und verweist in einer ADN-Meldung darauf, dass f\u00fcr ihre Angelegenheiten nur die DDR zust\u00e4ndig sei. Nach einer Informationsandacht in der Dresdner Paul-Gerhardt-Kirche ziehen etwa 1.500 Besucher zur nahegelegenen Baustelle f\u00fcr ein neues Reinstsiliziumwerk. Die Polizei schreitet mit Gewalt dagegen ein. Zahlreiche Festgenommene werden erst nach Stunden wieder freigelassen.<\/p>\n<p>7.8. Das DDR-Au\u00dfenministerium erkl\u00e4rt die Aufnahme von DDR-Fl\u00fcchtlingen durch westdeutsche Botschaften in Osteuropa zur Einmischung in \u00bbinnere Angelegenheiten\u00ab.<\/p>\n<p>8.8. Die Bonner Vertretung in Ost-Berlin stellt wegen \u00dcberf\u00fcllung den Besucherverkehr ein. \u00dcber 130 DDR-B\u00fcrger halten sich in der Vertretung auf, um ihre Ausreise zu erzwingen. In der westdeutschen \u00d6ffentlichkeit beginnt eine Diskussion dar\u00fcber, ob und wie viele Fl\u00fcchtlinge die Bundesrepublik noch aufnehmen k\u00f6nne. Nach Angaben von Kanzleramtsminister Rudolf Seiters sind bis Ende Juli bereits 46.343 DDR-B\u00fcrger legal in die Bundesrepublik gekommen. Er appelliert an ausreisewillige DDR-B\u00fcrger, nicht den Weg \u00fcber bundesdeutsche Vertretungen in Osteuropa zu gehen.<\/p>\n<p>9.8. Zwischen Frankfurt\/Main, D\u00fcsseldorf und Leipzig richtet die Lufthansa die erste innerdeutsche Fluglinie ein. Der Chef der Senatskanzlei in West-Berlin appelliert an die DDR-B\u00fcrger, \u201eBesonnenheit zu bewahren\u201c.<\/p>\n<p>10.8. Ungarn verzichtet nunmehr darauf, gescheiterte Fluchtversuche in die DDR-P\u00e4sse einzutragen. Die DDR r\u00e4umt ein, dass sich 131 B\u00fcrger in Bonns Vertretung in Ost-Berlin und weitere 158 Fl\u00fcchtlinge in seiner Budapester Botschaft aufhalten.<\/p>\n<p>11.8. Vertreter von Bundeskanzleramt und DDR-Au\u00dfenministerium nehmen Verhandlungen \u00fcber die Lage der Ausreisewilligen in den bundesdeutschen Botschaften auf.<\/p>\n<p>12.8. Das SED-Zentralorgan \u201eNeues Deutschland\u201c erkl\u00e4rt, dass der Bau der Berliner Mauer 1961 Ruhe und Stabilit\u00e4t gebracht und vor imperialistischen \u00dcbergriffen gesch\u00fctzt habe.<\/p>\n<p>13.8. Vor dem Brandenburger Tor im Ostteil Berlins demonstrieren am Jahrestag des Mauerbaus mehrere DDR-B\u00fcrger f\u00fcr ihre Ausreise. 15 von 131 ausreisewilligen DDR-B\u00fcrgern verlassen die St\u00e4ndige Vertretung Bonns in Ost-Berlin.<\/p>\n<p>14.8. SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker verk\u00fcndet: \u201eDen Sozialismus in seinem Lauf h\u00e4lt weder Ochs noch Esel auf.\u201c Die Botschaft der Bundesrepublik in Budapest wird wegen \u00dcberf\u00fcllung geschlossen, weil sich dort bereits 171 fluchtwillige DDR-B\u00fcrger aufhalten, die in den Westen \u00fcbersiedeln wollen.<\/p>\n<p>15.8. Angesichts der andauernden Fluchtwelle schl\u00e4gt der Ost-Berliner Konsistorialpr\u00e4sident Manfred Stolpe in einem Interview der K\u00f6lner Tageszeitung \u201eExpress\u201c ein Spritzengespr\u00e4ch zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl sowie SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker vor.<\/p>\n<p>16.8. Am Grenz\u00fcbergang Stolpe\/Heiligensee scheitert ein Fluchtversuch mit einem Tanklastwagen.<\/p>\n<p>17.8. In einem Schreiben an die Pfarrer seines Kirchenbezirks \u00e4u\u00dfert der Dresdner Superintendent Christof Ziemer massive Kritik am polizeilichen Vorgehen gegen Jugendliche, die mit einer Trommelaktion das gewaltsame Vorgehen der chinesischen F\u00fchrung gegen die Demokratiebewegung in Peking beklagt hatten. Das polnische Parlament verurteilt den Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei im Jahr 1968.<\/p>\n<p>18.8. Ost-Berliner B\u00fcrgerrechtler und Mitglieder des nieders\u00e4chsischen Landtags verweisen in einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung zum 50. Jahrestag des deutschen \u00dcberfalls auf Polen auf die notwendigen Kontrollaufgaben der Opposition in Staat und Gesellschaft.<\/p>\n<p>19.8. In Sopron\/Ungarn kommt es zur gr\u00f6\u00dften Massenflucht von DDR-B\u00fcrgern seit dem Mauerbau. Etwa 900 Menschen nutzen das vom Pr\u00e4sidenten der Paneuropa-Union, Otto von Habsburg, initiierte \u201ePaneurop\u00e4ische Picknick\u201c zur Flucht \u00fcber die \u201egr\u00fcne\u201c ungarisch-\u00f6sterreichische Grenze.<\/p>\n<p>20.8. In einem Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl bekr\u00e4ftigen 115 Ausreisewillige in Bonns St\u00e4ndiger Vertretung in Ost-Berlin die Absicht, bis zu einer akzeptablen L\u00f6sung auf dem Gel\u00e4nde bleiben zu wollen.<\/p>\n<p>21.8. Am 21. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings fordern 3.000 Demonstranten in Prag Demokratie und Freiheit. Die Demonstration wird durch die Polizei gewaltsam aufgel\u00f6st. An der \u00f6sterreichisch-ungarischen Grenze wird ein DDR-B\u00fcrger auf der Flucht erschossen.<\/p>\n<p>22.8. Die Botschaft der Bundesrepublik in Prag wird wegen \u00dcberf\u00fcllung geschlossen. Rund 140 DDR-B\u00fcrger wollen von dort aus in den Westen \u00fcbersiedeln. Etwa 200 DDR-B\u00fcrgern gelingt in einer n\u00e4chtlichen Massenaktion die Flucht von Ungarn nach \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>23.8. Am Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes demonstrieren rund zwei Millionen Litauer, Letten und Esten mit einer Menschenkette zwischen Vilnius und Talinn f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der baltischen Staaten. Ein Fluchtversuch von etwa 300 DDR-B\u00fcrgern nach \u00d6sterreich scheitert am Einsatz von ungarischen Sicherheitsorganen.<\/p>\n<p>24.8. In Polen wird der Kandidat des \u201eB\u00fcrgerkomitees Solidarno\u015b\u0107\u201c, Tadeusz Mazowiecki, erster nichtkommunistischer Regierungschef eines Warschauer-Pakt-Staates. In Budapest erhalten 108 B\u00fcrger der DDR, die sich in der Botschaft der Bundesrepublik aufhalten, durch die ungarische Regierung als einmalige humanit\u00e4re Aktion die Ausreiseerlaubnis in den Westen.<\/p>\n<p>25.8. In einem Interview des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes (Hamburg) \u00e4u\u00dfert der Ost-Berliner Schriftsteller Stefan Heym Zweifel an der Reformf\u00e4higkeit der SED.<\/p>\n<p>26.8. Bei einem Menschenrechtsseminar in der Berliner Golgathakirche stellen die beiden evangelischen Pfarrer Markus Meckel und Martin Gutzeit einen Aufruf zur Gr\u00fcndung einer Sozialdemokratischen Partei in der DDR vor. Das SED-Zentralorgan \u201eNeues Deutschland\u201c fordert die Bev\u00f6lkerung zum Bleiben in der DDR auf.<\/p>\n<p>27.8. Der SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel wirft der SED in einem Deutschlandfunk-Interview \u201eReformunwilligkeit\u201c vor. Vertreter der Evangelischen Allianz in der DDR appellieren an die Christen in der DDR, im Lande zu bleiben.<\/p>\n<p>28.8. Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker bekr\u00e4ftigt in einem Schreiben an den polnischen Staatspr\u00e4sidenten Jaruzelski den Verzicht der Bundesrepublik auf Gebietsanspr\u00fcche an Polen. Der Malteser-Caritas-Dienst in Budapest registriert 1.800 DDR-Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>29.8. Die aus der DDR stammende Schriftstellerin Monika Maron wirft SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker \u201estarken Realit\u00e4tsverlust\u201c vor. Er lese nur noch \u201egef\u00e4lschte Berichte\u201c \u00fcber die Situation in der DDR, sagt sie im Schweizer Fernsehen.<\/p>\n<p>30.8. In Bayern wird mit den Vorbereitungen zur Errichtung von Notaufnahmelagern f\u00fcr DDR-Fl\u00fcchtlinge begonnen.<\/p>\n<p>31.8. \u00d6sterreich setzt die Visumspflicht f\u00fcr DDR-B\u00fcrger aus, um ihnen die Durchreise in die Bundesrepublik zu erleichtern.<\/p>\n<p><strong>SEPTEMBER 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.9. Die Stadt Leipzig fordert von der Nikolaigemeinde vergeblich, die in der Sommerpause unterbrochenen Friedensgebete nicht schon am 4. September wieder zu beginnen. In Ost-Berlin bilden Angeh\u00f6rige der Friedensbewegung am Weltfriedenstag eine Menschenkette zwischen der sowjetischen und der US-amerikanischen Botschaft.<\/p>\n<p>2.9. Die Leitung des DDR-Kirchenbundes bezeichnet in einem Schreiben an DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker eine m\u00fcndige Beteiligung der B\u00fcrger an der Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse als \u201eunabdingbar\u201c. Bei einem Seminar zum 25-j\u00e4hrigen Bestehen von waffenlosen Baueinheiten in der DDR-Volksarmee beklagen Teilnehmer die Ersatzdienstregelung als \u201efaulen Kompromiss\u201c. In ungarischen Lagern warten mehr als 3.500 DDR-B\u00fcrger auf Ausreise in die Bundesrepublik.<\/p>\n<p>3.9. In der L\u00fcbecker Bucht erreicht als der wohl letzte DDR-B\u00fcrger, der eine Flucht \u00fcber die Ostsee riskiert, nach 20 Stunden das westdeutsche Festland.<\/p>\n<p>4.9. An das erste Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche nach der Sommerpause schlie\u00dft sich eine Demonstration f\u00fcr \u201eoffene Grenzen, Versammlungsfreiheit und Vereinigungsfreiheit\u201c vor laufenden Kameras westlicher Medien an. Danach kommt es zu einem Demonstrationszug \u201eF\u00fcr freie Fahrt nach Gie\u00dfen\u201c, der auf dem Leipziger Hauptbahnhof endet. In der Reformierten Kirche spricht Friedrich Schorlemmer \u00fcber Chancen der \u201egesellschaftlichen Erneuerung\u201c.<\/p>\n<p>5.9. Kirchliche Hilfswerke rechnen damit, dass bis zu 20.000 DDR-B\u00fcrger bei der bevorstehenden Ausreisewelle \u00fcber Ungarn in die Bundesrepublik kommen.<\/p>\n<p>6.9. Die \u201eUmweltbibliothek\u201c in der Ost-Berliner Zionsgemeinde ruft zu einem breiten B\u00fcndnis aller Demokraten in der DDR auf. Beim traditionellen \u201eMessem\u00e4nnerabend\u201c in Leipzig fordert der Dresdner Superintendent Christof Ziemer einen gesamtgesellschaftlichen Erneuerungsprozess, der sich an der Teilhabe aller B\u00fcrger orientiert. Einer ADN-Meldung zufolge haben sich Bonn und Ost-Berlin grunds\u00e4tzlich \u00fcber einen L\u00f6sungsweg f\u00fcr die Botschaftsfl\u00fcchtlinge geeinigt.<\/p>\n<p>7.9. Auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz protestieren B\u00fcrgerrechtler gegen die F\u00e4lschung der Kommunalwahlen vom 7. Mai. DDR-Sicherheitskr\u00e4fte unterbinden die Aktion und nehmen etwa 80 Personen vor\u00fcbergehend fest.<\/p>\n<p>8.9. Stasi-Mitarbeiter beschlagnahmen in Leipzig eine w\u00e4hrend des Kirchentages im Fr\u00fchsommer gezeigte Foto-Dokumentation \u00fcber Polizeima\u00dfnahmen nach Friedensgebeten und anderen Ereignissen. Nach entsprechenden Zusicherungen durch den DDR-Anwalt Wolfgang Vogel verlassen alle DDR-B\u00fcrger Bonns St\u00e4ndige Vertretung in Ost-Berlin.<\/p>\n<p>9.9. Die Leitung des DDR-Kirchenbundes verweist in einem Schreiben an SED-Staats-und Parteichef Erich Honecker darauf, dass die Verweigerung l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lliger Reformen zu der nach wie vor hohen Zahl ausreisewilliger DDR-B\u00fcrger gef\u00fchrt habe<\/p>\n<p>10.9. In Ost-Berlin wird der Gr\u00fcndungsaufruf der Initiative \u201eNeues Forum\u201c ver\u00f6ffentlich. Er ist von 30 B\u00fcrgerrechtlern aus der ganzen DDR unterzeichnet. Ungarn \u00f6ffnet ohne vorherige Absprache mit der DDR-F\u00fchrung den im Land anwesenden DDR-Ausreisewilligen die Grenz\u00fcberg\u00e4nge nach Westen. Bis Ende September kommen etwa 30.000 \u00dcbersiedler auf diesem Weg in die Bundesrepublik.<\/p>\n<p>11.9. Am Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche, an dem auch der s\u00e4chsische Landesbischof Johannes Hempel teilnimmt, wird der Brief der Kirchenleitungen an Erich Honecker verlesen und von den rund 1.300 Teilnehmern mit Beifall aufgenommen. W\u00e4hrend des Gebets riegeln Polizeiketten das Gebiet um die Nikolaikirche hermetisch ab. Beim Verlassen der Kirche werden 89 Personen festgenommen. Viele werden sp\u00e4ter ohne<\/p>\n<p>Gerichtsverfahren zu Geldstrafen zwischen 1.000 und 5.000 Mark verurteilt. 19 Besucher des Friedensgebetes kommen erst Mitte Oktober aus Stasi-Haft wieder frei.<\/p>\n<p>12.9. Die B\u00fcrgerinitiative \u201eDemokratie Jetzt\u201c fordert in ihrem Gr\u00fcndungsaufruf zur \u201eEinmischung in die eigenen Angelegenheiten\u201c auf. Die SED-F\u00fchrung protestiert gegen die \u00d6ffnung der ungarischen Grenze f\u00fcr B\u00fcrger der DDR und nennt das Vorgehen der Budapester F\u00fchrung \u201eorganisierten Menschenhandel\u201c.<\/p>\n<p>13.9. In Leipzig bildet sich eine Gruppe, die Solidarit\u00e4tsaktionen f\u00fcr inhaftierte Oppositionelle koordiniert. Sie erh\u00e4lt von der Markus-Gemeinde einen Raum mit Telefon. Sie organisiert in den folgenden Wochen t\u00e4gliche F\u00fcrbittandachten und informiert \u00fcber die Vorg\u00e4nge in der Stadt.<\/p>\n<p>14.9. Die evangelischen Kirchenzeitungen in der DDR dokumentieren das Schreiben, mit dem der DDR-Kirchenbund \u201el\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige\u201c Reformen in der DDR angemahnt hat.<\/p>\n<p>22.9. SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker fordert in einem Fernschreiben an die SED-Bezirksleitungen, \u201edie feindlichen Aktionen\u201c im Keim zu ersticken und die \u201eOrganisatoren der konterrevolution\u00e4ren T\u00e4tigkeit\u201c zu isolieren. In Bonn verhandelt der Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel mit Kanzleramtsminister Rudolf Seiters \u00fcber DDR-B\u00fcrger, die in der St\u00e4ndigen Vertretung Zuflucht gesucht haben.<\/p>\n<p>23.9. In Wei\u00dfenfels veranstalten 20 Jugendliche auf der Hauptverkehrsstra\u00dfe einen Sitzstreik. Sie fordern die Zulassung des \u201eNeuen Forums\u201c und rufen \u201eWir wollen raus\u201c.<\/p>\n<p>24.9. In Leipzig beraten erstmals Oppositionsgruppen wie Neues Forum, Demokratie Jetzt, Demokratischer Aufbruch, Vereinigten Linke \u00fcber ein gemeinsames Vorgehen.<\/p>\n<p>25.9. Im Anschluss an das w\u00f6chentliche Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche ziehen rund 8.000 Menschen vom Nikolaikirchhof in Richtung Hauptbahnhof. Sie singen \u201eWe shall overcome\u201c und skandieren \u201eFreiheit\u201c und \u201eNeues Forum\u201c. Ein Dutzend Demonstranten wird von Sicherheitskr\u00e4ften festgenommen. Zu den zahlreichen DDR-Orten, in denen F\u00fcrbittandachten f\u00fcr die inhaftierten B\u00fcrgerrechtler stattfinden, geh\u00f6ren Altenburg, Dresden, Eisenh\u00fcttenstadt, Gera, Gro\u00dfhennersdorf, Halle, Jena, Karl-Marx-Stadt, Potsdam, Quedlinburg, Schwedt und Zwickau. Die mehr als 300 Teilnehmer einer Andacht in der Ost-Berliner Gethsemanekirche \u00e4u\u00dfern \u201eWut und Entt\u00e4uschung\u201c \u00fcber das staatliche Vorgehen.<\/p>\n<p>26.9. Der Ost-Berliner Anwalt Wolfgang Vogel versucht, in der bundesdeutschen Botschaft in Prag die \u00fcber tausend ausreisewilligen DDR-B\u00fcrger zur R\u00fcckkehr zu bewegen, nachdem ihnen die Ausreise in den Westen binnen sechs Monaten zugesichert wurde. Viele Fl\u00fcchtlinge bleiben jedoch in der Botschaft, da sie direkt in die Bundesrepublik ausreisen wollen. Nur rund 200 Personen geben seinem Dr\u00e4ngen nach.<\/p>\n<p>27.9. Bei einer F\u00fcrbittandacht f\u00fcr politische Gefangene in der Ost-Berliner Samariterkirche wird berichtet, dass in Leipzig mindestens 17 Oppositionelle in Haft seien und gegen 22 Teilnehmer der Leipziger Friedensgebete Ordnungsstrafen von insgesamt \u00fcber 60.000 Mark verh\u00e4ngt wurden. Aus Furcht vor einer starken, serbisch dominierten Zentralmacht verabschiedet das slowenische Parlament mehrere \u00c4nderungen der Verfassung, die auch einen Austritt aus dem jugoslawischen Bund erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>28.9. In der bundesdeutschen Botschaft in Warschau entschlie\u00dfen sich etwa 50 der 600 Botschaftsfl\u00fcchtlinge zur R\u00fcckkehr in die DDR. Der Bezirksstaatsanwalt in Leipzig droht den Pfarrern Christian F\u00fchrer und Christoph Wonneberger mit Haftstrafen, falls sie weiterhin das \u201eRecht der DDR verletzen\u201c.<\/p>\n<p>29.9. In Leipzig werden elf Demonstranten wegen \u201eZusammenrottung\u201c zu Freiheitsstrafen bis zu sechs Monaten verurteilt. Die Dresdner Initiativgruppe \u201eDemokratische Erneuerung\u201c ruft dazu auf, Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine Reform des DDR-Wahlrechts zu machen. In der \u201eLeipziger Volkszeitung\u201c beginnt eine Leserbriefkampagne gegen die Teilnehmer der Friedensgebete bzw. der Demonstrationen. Auch Leipzigs Oberb\u00fcrgermeister Bernd Seidel (SED) \u00e4u\u00dfert sich diffamierend \u00fcber Kirche und Opposition.<\/p>\n<p>30.9. In der Prager Botschaft er\u00f6ffnet Au\u00dfenminister Hans-Dietrich Genscher den fast 7.000 Fl\u00fcchtlingen, dass ihre Ausreise bevorstehe. Aus Warschau k\u00f6nnen die rund 800 Botschaftsfl\u00fcchtlinge mit einem Zug der Reichsbahn nach Westen ausreisen.<\/p>\n<p>Im Martin-Gropius-Bau in West-Berlin wird eine Ausstellung zum Werk des aus der DDR stammenden K\u00fcnstlers Bernhard Heisig er\u00f6ffnet. Der Leipziger Superintendent Johannes Richter ruft in Schreiben an seine Pfarrer zur Gewaltlosigkeit auf.<\/p>\n<p><strong>OKTOBER 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.10. Die ersten Sonderz\u00fcge aus Warschau und Prag mit etwa 6.800 Fl\u00fcchtlingen durchqueren die DDR. Zahlreiche DDR-B\u00fcrger versuchen, auf die Z\u00fcge aufzuspringen. In Prag versammeln sich vor der Bonner Botschaft erneut rund 7.600 Menschen, denen die tschechoslowakische Polizei den Zugang zum Botschaftsgel\u00e4nde zu verwehren sucht. In einem Kommentar empfiehlt die DDR-Nachrichtenagentur ADN, den Botschaftsfl\u00fcchtlingen \u201ekeine Tr\u00e4ne\u201c nachzuweinen. In Ost-Berlin konstituiert sich die Reformgruppe \u201eDemokratischer Aufbruch\u201c mit den Pfarrern Rainer Eppelmann, Erhard Neubert, Edelbert Richter und Friedrich Schorlemmer.<\/p>\n<p>2.10. In der Ost-Berliner Gethsemanekirche beginnt eine unbefristete Mahnwache f\u00fcr die politischen Gefangenen in der DDR. Am Kirchturm macht ein gro\u00dfes Transparent auf die Mahnwache aufmerksam. In Leipzig finden zeitgleich Friedensgebete in der Nikolaikirche und in der Reformierten Kirche mit insgesamt 2.500 Menschen statt. Im Anschluss an die Friedensgebete beteiligen sich rund 20.000 Menschen an einer Demonstration, die von Polizei, Sondereinheiten und Kampfgruppen gewaltsam aufgel\u00f6st wird. Gewandhauskapellmeister Kurt Masur erkl\u00e4rt zu dem Vorgehen \u201eIch sch\u00e4me mich\u201c und ruft zu einem gesamtgesellschaftlichen Dialog auf.<\/p>\n<p>3.10. Die DDR-F\u00fchrung versch\u00e4rft die Reisebestimmungen nach Polen und hebt den visafreien Reiseverkehr in die CSSR auf. Damit ist f\u00fcr DDR-B\u00fcrger kein Land mehr nur mit dem Personalausweis erreichbar. Auf dem Gel\u00e4nde der bundesdeutschen Botschaft in Prag haben 4.500 DDR-B\u00fcrger Zuflucht gesucht. Am Abend erlaubt die DDR ihre Ausreise. Auf dem Dresdener Hauptbahnhof versammeln sich zahlreiche Menschen, die auf die Z\u00fcge aus Prag mit den Botschaftsbesetzern warten, um mit ausreisen zu k\u00f6nnen. Als die Polizei kurz nach Mitternacht den Bahnhof zu r\u00e4umen versucht, kommt der Bahnverkehr teilweise zum Erliegen.<\/p>\n<p>4.10. In Prag beginnt f\u00fcr weitere 7.600 DDR-B\u00fcrgern die Ausreise in Sonderz\u00fcgen \u00fcber das DDR-Gebiet. Am Dresdner Hauptbahnhof versuchen rund 5.000 Menschen, sich Zugang zu den Fl\u00fcchtlingsz\u00fcgen zu verschaffen. Die Sicherheitskr\u00e4fte gehen mit Schlagst\u00f6cken und Wasserwerfern vor. Aus dem gewaltsamen Widerstand entwickelt sich eine Stra\u00dfenschlacht, bei der s\u00e4mtliche Scheiben des Bahnhofs zu Bruch gehen sowie zahlreiche Fahrzeuge in den angrenzenden Stra\u00dfen demoliert werden. Ausreisewillige und Demonstranten liefern sich Beobachtern zufolge die schwersten Auseinandersetzungen mit DDR-Sicherheitskr\u00e4ften seit dem 17. Juni 1953. In der Innenstadt bieten die Kirchen Schutz und Beratung an. Zwischen Bahnhof und Altstadt unterstreichen zahlreiche Menschen bei friedlichen Demonstrationen mit brennenden Kerzen ihren Willen zur Gewaltlosigkeit. Die DDR-weite Reformgruppe \u201eNeues Forum\u201c warnt vor Gewalt in der politischen Auseinandersetzung. In Leipzig tagt die Bezirkseinsatzleitung und beschlie\u00dft, den Einsatz von Armee-Einheiten gegen Demonstranten vorzubereiten. An der t\u00e4glichen F\u00fcrbittandacht in der Ost-Berliner Gethsemanekirche nehmen mehr als 1.000 Menschen teil.<\/p>\n<p>5.10. In Dresden l\u00f6sen Sicherheitskr\u00e4fte die Demonstrationen gewaltsam auf. In Magdeburg werden etwa 250 der 800 Teilnehmer einer Demonstration festgenommen. Der vom \u201eNeuen Forum\u201c Anfang September ver\u00f6ffentlichte Aufruf verzeichnet bereits \u00fcber 10.000 Unterschriften. Etwa 100 DDR-B\u00fcrger, die zuvor mehrere Tage die Kreuz- und die Dreik\u00f6nigskirche in Dresden besetzt hatten, k\u00f6nnen ausreisen. An den innerst\u00e4dtischen Grenz\u00fcberg\u00e4ngen wird zahlreichen West-Besuchern die Einreise in die DDR verwehrt. Staatssicherheitsminister Erich Mielke weist die Stasi-Dienststellen in Ost-Berlin an, Reservekr\u00e4fte zu mobilisieren und die Ma\u00dfnahmen zur Unterbindung von Demonstrationen effizienter zu gestalten.<\/p>\n<p>6.10. In der Ost-Berliner Erl\u00f6serkirche beteiligen sich mehr als 2.000 zumeist junge Leute an einer \u201eZukunftswerkstatt\u201c. Dabei fordern f\u00fcnf \u00fcberregionale Reformgruppen eine demokratische Umgestaltung der DDR sowie freie Wahlen unter UN-Kontrolle. Der Th\u00fcringer Landesbischof Werner Leich bittet die Pfarrer seiner Landeskirche, Friedensgebete vorzubereiten und die Kirchen als Zufluchtsorte zu \u00f6ffnen. Die \u201eLeipziger Volkszeitung\u201c ver\u00f6ffentlicht die Erkl\u00e4rung eines Kampfgruppenkommandeurs, in der es hei\u00dft: \u201eWir sind bereit und willens, das von uns mit unserer H\u00e4nde Arbeit Geschaffene wirksam zu sch\u00fctzen, um diese konterrevolution\u00e4re Aktion endg\u00fcltig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand!\u201c Dagegen gehen bei staatlichen Stellen eine Vielzahl von Protestbriefen ein.<\/p>\n<p>7.10. Mit gro\u00dfem Aufwand feiert die SED in Ost-Berlin das 40-j\u00e4hrige Bestehen der DDR. Zeitgleich mit dem Festbankett, an dem zahlreiche Staats- und Parteig\u00e4ste teilnehmen, demonstrieren auf dem Alexanderplatz junge Leute gegen die Wahlf\u00e4lschung im Mai. Zusammen mit einigen tausend Teilnehmern des Volksfestes ziehen sie anschlie\u00dfend zur Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg und von dort wiueder zur Innenstadt, wo der friedliche Protest nach Stunden gewaltsam beendet wird. Viele werden verletzt, zahlreiche festgenommen und misshandelt. Am selben Abend kommt es auch in Arnstadt, Dresden, Erfurt, Halle, Ilmenau, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg, Plauen, Potsdam und Suhl zu friedlichen Demonstrationen. Die meisten von ihnen werden brutal aufgel\u00f6st, \u00fcber tausend Menschen festgenommen. In der Leipziger Innenstadt versuchen zwischen 300 und 2.000 Personen den Tag \u00fcber zu demonstrieren. Die Sicherheitskr\u00e4fte gehen brutal dagegen vor. Fast 200 Personen werden verhaftet und u.a. in Pferdest\u00e4llen auf dem Gel\u00e4nde der Agra festgehalten, das als Internierungslager f\u00fcr den \u201eSpannungsfall\u201c vorgesehen ist. In Schwante<\/p>\n<p>bei Berlin gr\u00fcnden 43 Teilnehmer eines Treffens im evangelischen Pfarrhaus die \u201eSozialdemokratische Partei in der DDR\u201c (SDP).<\/p>\n<p>8.10. Nach einer F\u00fcrbittandacht in der Ost-Berliner Gethsemanekirche kommt es erneut zu einer Demonstration mit tausenden Teilnehmern. Die Sicherheitskr\u00e4fte riegeln alle Stra\u00dfen im Umfeld der Gethsemanekirche ab und lassen erst nach Intervention von Bischof Gottfried Forck die Gottesdienstbesucher in kleinen Gruppen passieren. Dennoch bildet sich ein friedlicher Protestzug, der mit brutaler Gewalt aufgel\u00f6st wird. Auch aus anderen Orten werden Demonstrationen gemeldet, die die DDR-Sicherheitskr\u00e4fte brutal beenden. In Dresden wird nach einer Demonstration mit 10.000 Teilnehmern auf kirchliche Intervention der Polizeieinsatz friedlich beendet und ein Gespr\u00e4ch im Rathaus verabredet. Als Vertreter der Demonstranten fungiert eine spontan gebildete \u201eGruppe der 20\u201c. In Ungarn l\u00f6st sich als erste regierende Ostblock-Partei die KP auf.<\/p>\n<p>9.10. In Leipzig demonstrieren im Anschluss an das Montagsgebet in der Nikolaikirche und vier weiteren Innenstadtkirchen erstmals \u00fcber 70.000 Menschen f\u00fcr politische Reformen. Sie werden von einem erheblichen Aufgebot an Sicherheitskr\u00e4ften begleitet, aber nicht behindert. Wiederholt skandiert wird dabei \u201eWir sind das Volk\u201c und \u201eKeine Gewalt\u201c. Zuvor hatte der s\u00e4chsische Landesbischof Johannes Hempel die Teilnehmer der Friedensgebete in den f\u00fcnf von ihm nacheinander aufgesuchten Kirchen ermahnt, friedlich zu bleiben und sich bei der Demonstration nicht provozieren zu lassen. An der Nikolaikirche h\u00e4ngt ein gro\u00dfes Tuch mit der Aufschrift: \u201eLeute keine sinnlose Gewalt, rei\u00dft Euch zusammen\u201c. Dem gleichen Ziel dient ein Aufruf, mit dem Leipziger Basisgruppen zur Gewaltlosigkeit aufrufen und der auch in den Friedensgebeten verlesen wird. Ein weiterer Aufruf, der auch \u00fcber den Leipziger Stadtfunk verbreitet wird, dr\u00e4ngt auf Dialog mit den Herrschenden in der DDR. Er stammt von Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur und f\u00fcnf weiteren Personen, darunter drei Sekret\u00e4ren der SED-Bezirksleitung. In der \u00fcberf\u00fcllten Gethsemanekirche in Ost-Berlin fordert Bischof Gottfried Forck \u201eglaubw\u00fcrdige Schritte\u201c hin zu einem demokratischen und sozialen Rechtsstaat. In Dresden f\u00fchrt Oberb\u00fcrgermeister Wolfgang Berghofer (SED) erstmals mit Vertretern der Kirchen und Reformgruppen ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die angespannte Situation in der Stadt. In vier \u00fcberf\u00fcllten Innenstadtkirchen berichten Teilnehmer des Gespr\u00e4ch \u00fcber die von Berghofer zugesagte Freilassung der friedlichen Demonstranten. Die Stralsunder Nikolaikirche kann nicht mehr alle Besucher des Friedensgebets fassen.<\/p>\n<p>10.10. Die w\u00f6chentliche SED-Politb\u00fcrositzung findet in erweiterter Runde statt und wird um einen Tag verl\u00e4ngert. In einer Erkl\u00e4rung signalisiert die SED-F\u00fchrung erstmals Bereitschaft zu einem Dialog und betont, dass es sie nicht \u201egleichg\u00fcltig\u201c lasse, \u201ewenn sich Menschen, die hier arbeiteten und lebten, von unserer Deutschen Demokratischen Republik losgesagt haben\u201c.<\/p>\n<p>11.10. Das SED-Politb\u00fcro erkl\u00e4rt in Ost-Berlin seine Bereitschaft, sich der Diskussion mit der Bev\u00f6lkerung zu stellen, und k\u00fcndigt \u201eVorschl\u00e4ge f\u00fcr einen attraktiven Sozialismus\u201c an. In Dresden ver\u00f6ffentlicht das Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens eine Kanzelabk\u00fcndigung von Landesbischof Johannes Hempel, in der er sich f\u00fcr einen gesamtgesellschaftlichen Dialog und Gewaltfreiheit einsetzt.<\/p>\n<p>12.10. In der Ost-Berliner Gethsemanekirche sprechen sich die mehr als 2.000 Teilnehmer an einer F\u00fcrbittandacht f\u00fcr die Fortsetzung der Mahnwache aus. Bischof Gottfried Forck, Konsistorialpr\u00e4sident Manfred Stolpe und Generalsuperintendent G\u00fcnter Krusche mahnen in einem Gespr\u00e4ch mit dem Ost-Berliner Oberb\u00fcrgermeister Erhard Krack (SED) Reisefreiheit, freie Medien und Mitsprache der B\u00fcrger bei gesellschaftspolitischen Entscheidungen an.<\/p>\n<p>Auch in Leipzig findet ein Gespr\u00e4ch zwischen Oberb\u00fcrgermeister Bernd Seidel (SED) und leitenden Kirchenvertretern statt. Dabei regt Superintendent Johannes Richter an, dass sich ein verantwortlicher Vertreter der Stadt am n\u00e4chsten Montag den Menschen stellt. Das Europ\u00e4ische Parlament fordert in einer Erkl\u00e4rung demokratische Reformen in der DDR. Der West-Berliner Bischof Martin Kruse bittet in einem Brief an seine Gemeinden, auf gute Ratschl\u00e4ge an die Christen und Kirchen in der DDR zu verzichten. Es gebe gen\u00fcgend Hinweise, dass die Menschen in der DDR bereit seien, ihre Dinge selbst in die Hand zu nehmen.<\/p>\n<p>13.10. Der DDR-Generalstaatsanwalt k\u00fcndigt die Freilassung der bei den Demonstrationen Festgenommenen an. In einem Interview der Ost-Berliner Tageszeitung \u201eNeue Zeit\u201c fordert der stellvertretende Vorsitzende des DDR-Kirchenbundes, Konsistorialpr\u00e4sident Manfred Stolpe, \u201eechte Wahlen\u201c und Reisefreiheit f\u00fcr alle B\u00fcrger in der DDR. In einem Schreiben an Ministerpr\u00e4sident Willi Stoph protestiert Bischof Gottfried Forck gegen das brutale Vorgehen der Sicherheitskr\u00e4fte bei den friedlichen Demonstrationen am 7. und 8. Oktober. In Leipzig kommt es zu einem ersten Gespr\u00e4ch zwischen Vertretern von kirchlichen Gruppen und dem Rat des Bezirkes. In Ost-Berlin nennen mehrere Reformgruppen als Voraussetzung f\u00fcr den Dialog mit der SED die Freilassung aller politischen Gefangenen und die Einstellung der Ermittlungen.<\/p>\n<p>14.10. Bei einem DDR-weiten Treffen des \u201eNeuen Forums\u201c in Ost-Berlin beraten die rund 100 Delegierten \u00fcber gemeinsame Aufgaben und Ziele. In einem Brief an die Gemeinden der Th\u00fcringer Kirche fordert der Vorsitzende des evangelischen Kirchenbundes, Landesbischof Werner Leich (Eisenach), die DDR-Sicherheitskr\u00e4fte dazu auf, auf Gewalt gegen friedliche Demonstranten zu verzichten.<\/p>\n<p>15.10. Tausende Menschen demonstrieren in Halle und Plauen f\u00fcr demokratische Reformen. In der Ost-Berliner Erl\u00f6serkirche beteiligen sich zahlreiche Musiker und K\u00fcnstler an einem Benefizkonzert f\u00fcr die Opfer der \u00dcbergriffe bei den friedlichen Demonstrationen am 7. und 8. Oktober. Dabei wird wiederholt die Forderung erhoben, die Gewaltt\u00e4tigkeiten in Ost-Berlin, Dresden und anderen St\u00e4dten durch unabh\u00e4ngige Kommissionen untersuchen zu lassen. In einem Brief an seine Gemeinden, der in den Gottesdiensten verlesen wird, fordert der s\u00e4chsische Landesbischof Johannes Hempel die SED zum Dialog mit den jungen Leuten im Land auf. Der Schriftsteller Vaclav Havel erh\u00e4lt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, kann ihn aber, da ihn die Prager Regierung nicht reisen l\u00e4sst, nicht selbst entgegen nehmen.<\/p>\n<p>16.10. Im Anschluss an das Montagsgebet in der Leipziger Nikolaikirche kommt es zu der bislang gr\u00f6\u00dften Demonstration in der DDR seit dem Aufstand vom 17. Juni 1953. An ihr beteiligen sich mehr als 120.000 Menschen. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN meldet erstmals den friedlichen Verlauf. ADN meldet erstmals den friedlichen Verlauf. Friedliche Demonstrationen f\u00fcr demokratische Reformen werden an diesem Tag auch aus Ost-Berlin, Dresden, Halle, Magdeburg und Plauen gemeldet. In Dresden fordert Superintendent Christof Ziemer bei einem Gespr\u00e4ch der \u201eGruppe der 20\u201c mit Oberb\u00fcrgermeister Wolfgang Berghofer (SED) eine unabh\u00e4ngige Untersuchung der gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffe auf friedliche Demonstranten. In Potsdam kommt es zum ersten Gespr\u00e4ch zwischen Vertretern des Neuen Forums und Repr\u00e4sentanten von Stadt und SED.<\/p>\n<p>17.10. Das SED-Politb\u00fcro beschlie\u00dft die Absetzung von SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker. In Dresden kommen 20.000 Menschen in f\u00fcnf Kirchen zusammen, wo Sprecher<\/p>\n<p>der \u201eGruppe der 20\u201c \u00fcber die Gespr\u00e4che mit Oberb\u00fcrgermeister Wolfgang Berghofer informieren. Warschau l\u00e4sst erstmals Botschaftsfl\u00fcchtlinge ausfliegen.<\/p>\n<p>18.10. In Ost-Berlin tagt das SED-Zentralkomitee. Erich Honecker wird \u201eauf eigenen Wunsch\u201c von allen \u00c4mtern entbunden. Zum Nachfolger als SED-Generalsekret\u00e4r wird Egon Krenz berufen. Er r\u00e4umt in einer Fernsehansprache ein, dass die SED in den letzten Monaten die reale Lage verkannt habe. Die Partei habe aber eine \u201eWende eingeleitet\u201c und strebe einen \u201eernstgemeinten innenpolitischen Dialog\u201c an. Der \u201eSozialismus auf deutschem Boden\u201c stehe jedoch nicht zur Disposition. In Greifswald gehen erstmals mehrere Tausend Menschen nach einem Friedensgebet im Dom f\u00fcr demokratische Reformen auf die Stra\u00dfe. Bei einer Informationsveranstaltung \u00fcber das \u201eNeue Forum\u201c in Potsdam-Babelsberg ist der Andrang so gro\u00df, dass sie f\u00fcr die mehr als 5.000 Besucher zweimal wiederholt werden muss. In mehreren Orten dr\u00e4ngen die neuentstanden Reformgruppen darauf, sich auch in nichtkirchlichen R\u00e4umen oder auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen treffen zu k\u00f6nnen<\/p>\n<p>19.10. Aus Rostock wird die erste Demonstration mit 10.000 Teilnehmern gemeldet. Vorausgegangen waren F\u00fcrbittandachten in mehreren Kirchen. In osts\u00e4chsischen Zittau nehmen 10.000 Menschen an einer Veranstaltung des \u201eNeuen Forums\u201c teil. In Halle werden Vertreter des \u201eNeuen Forums\u201c in Polizeigewahrsam genommen und angewiesen, keine Kontakte zur Leipziger Opposition aufzunehmen. Am Werbellinsee trifft der neue SED-Chef Egon Krenz mit dem Vorsitzenden des DDR-Kirchenbundes, Bischof Werner Leich, zusammen. Wie Leich anschlie\u00dfend betont, habe er dabei \u201eschnelle und deutliche Zeichen eines Neubeginns\u201c gefordert. DDR-Innenminister Friedrich Dickel wird vom Ministerrat beauftragt, umgehend einen Gesetzentwurf \u00fcber Reisen f\u00fcr DDR-B\u00fcrger ins Ausland vorzubereiten.<\/p>\n<p>20.10. In Dresden fordern \u00fcber 20.000 Menschen bei einer Kundgebung freie Wahlen sowie Rede- und Versammlungsfreiheit. In Gotha demonstrieren 6.000 Menschen f\u00fcr demokratische Reformen. In Ost-Berlin appelliert Bischof Gottfried Forck an die SED, sich f\u00fcr die Wahlf\u00e4lschungen \u00f6ffentlich zu entschuldigen.<\/p>\n<p>21.10. Die s\u00e4chsische Synode verurteilt in Dresden das gewaltt\u00e4tige Vorgehen der DDR-Sicherheitskr\u00e4fte Anfang Oktober gegen friedliche Demonstranten. Die Verantwortlichen, die daf\u00fcr zur Rechenschaft gezogen werden m\u00fcssten, sollten sich \u00f6ffentlich entschuldigen, fordert Landesbischof Johannes Hempel. Aus Ost-Berlin, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Plauen, Potsdam und zahlreichen anderen Orten werden friedliche Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern gemeldet.<\/p>\n<p>22.10. Unter Leitung von Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur kommt es erstmals zu einer \u00f6ffentlichen Diskussion von SED-Funktion\u00e4re mit Vertretern der B\u00fcrgerschaft und der Kirche in der Messestadt.<\/p>\n<p>23.10. In Ost-Berlin fordern Vertreter fast aller neuen Reformgruppen sowie kirchlicher Basisgruppen politische Konsequenzen aus den brutalen \u00dcbergriffen bei den friedlichen Demonstrationen am 7. und 8. Oktober. In einer internationalen Pressekonferenz \u00fcbergeben sie eine vom evangelischen Stadtjugendpfarramt erstellte Dokumentation \u00fcber das gewaltt\u00e4tige Vorgehen der DDR-Sicherheitskr\u00e4fte an den 1. stellvertretenden DDR-Generalstaatsanwalt Klaus Vo\u00df. In Dresden fordert die s\u00e4chsische Landessynode eine klare Trennung der Zust\u00e4ndigkeiten von Staat und Partei sowie unabh\u00e4ngige Gerichte, eine Revision des Strafrechts und eine Reform des Wahlrechts. In Leipzig gehen am Abend 300.000 Menschen f\u00fcr demokratische Reformen auf die Stra\u00dfe. Zehntausende demonstrieren<\/p>\n<p>zudem in Ost-Berlin, Halle, Magdeburg, Plauen, Potsdam, Schwerin, Stralsund, Zwickau und anderen Orten. In Dresden protestieren \u00fcber 50.000 Menschen gegen die geplante Wahl von Egon Krenz zum Staatsratsvorsitzenden.<\/p>\n<p>24.10. Die Volkskammer w\u00e4hlt SED-Chef Egon Krenz bei 26 Gegenstimmen und 26 Enthaltungen zum Vorsitzenden des DDR-Staatsrats. In der Ost-Berliner Innenstadt demonstrieren 12.000 Menschen gegen seine Wahl. Im \u201eHaus der Jungen Talente\u201c in Ost-Berlin findet am Abend eine \u00f6ffentliche Podiumsdiskussion statt, an der erstmals politisch Verantwortliche gemeinsam mit Oppositionellen wie B\u00e4rbel Bohley und Jens Reich teilnehmen. Die s\u00e4chsische Landessynode fordert die Freilassung aller \u201eRepublikfl\u00fcchtlinge\u201c und die Einstellung aller laufenden Verfahren nach missgl\u00fcckten Fluchtversuchen. In einem Fernseh-Interview stellt der Ost-Berliner Bischof Gottfried Forck den F\u00fchrungsanspruch der SED in Frage. Er erwarte zudem, dass sich die SED-F\u00fchrung f\u00fcr den Wahlbetrug Anfang Mai 1989 entschuldige. Der mecklenburgische Bischof Christoph Stier mahnt im Gespr\u00e4ch mit dem Ratsvorsitzenden des Bezirks Schwerin, Rudi Fleck (SED), die offizielle Zulassung der neuen Vereinigungen und Parteien an. In Weimar kommt es zur ersten Demonstration f\u00fcr politische Ver\u00e4nderungen, an der sich 15.000 Menschen beteiligen.<\/p>\n<p>25.10. Mit Demonstrationen in \u00fcber 30 St\u00e4dten, darunter in Ost-Berlin, Greifswald, Halberstadt und Jena, werden die friedlichen Proteste gegen die SED fortgesetzt. In Neubrandenburg beteiligen sich nach einem Friedensgebet in der Johanniskirche \u00fcber 20.000 Menschen an einem \u201eMarsch der Hoffnung\u201c. In Ost-Berlin weist Stasi-Minister Erich Mielke erh\u00f6hte Kampfbereitschaft und das Tragen der Schusswaffe an.<\/p>\n<p>26.10. In Ost-Berlin kommt SED-Bezirkschef G\u00fcnter Schabowski mit Jens Reich und Sebastian Pflugbeil vom Neuen Forum zu einem Gespr\u00e4ch zusammen. In Dresden, wo die \u201eGruppe der 20\u201c bei einem ersten Auftritt im Stadtrat freie Wahlen fordert, beteiligen sich \u00fcber 100.000 Menschen an einem Protestzug durch die Stadt. Friedliche Demonstrationen werden auch aus knapp 30 weiteren Orten gemeldet. Egon Krenz f\u00fchrt ein 20-min\u00fctiges Telefongespr\u00e4ch mit Bundeskanzler Helmut Kohl.<\/p>\n<p>27.10. Der DDR-Staatsrat beschlie\u00dft eine Amnestie f\u00fcr alle, die gefl\u00fcchtet sind oder bei Fluchtversuchen festgenommen wurden, sowie f\u00fcr alle, denen im Zusammenhang mit den Demonstrationen \u201eStraftaten gegen die staatliche oder \u00f6ffentliche Ordnung\u201c vorgeworfen wurde. Der DDR-Ministerrat hebt die zeitweise Aussetzung des visafreien Reiseverkehrs in die Tschechoslowakei zum 1. November auf. Die DDR-weite B\u00fcrgerbewegung \u201eDemokratie Jetzt\u201c ruft zu einem Volksentscheid \u00fcber die F\u00fchrungsrolle der SED auf. Das Vorstandsmitglied der DDR-Sozialdemokraten, Steffen Reiche, berichtet, dass rund 740.000 DDR-B\u00fcrger einen Ausreiseantrag gestellt haben. Aus Dresden, Gro\u00dfr\u00e4schen, G\u00fcstrow, Karl-Marx-Stadt, Saalfeld und anderen Orten werden Demonstrationen gemeldet. Die Au\u00dfenminister der Ostblockstaaten bekennen sich zu freien Wahlen.<\/p>\n<p>28.10. In der Ost-Berliner Erl\u00f6serkirche sprechen sich K\u00fcnstler und Schriftsteller gegen den Alleinvertretungsanspruch der SED sowie f\u00fcr Reformen aus. Das Deutsche Theater in Ost-Berlin ehrt mit einem Abend den Altkommunisten Walter Janka, der 1957 zu einer langj\u00e4hrigen Zuchthausstrafe verurteilt worden war. In \u00fcber 30 Orten gehen wieder Menschen zu friedlichen Protesten auf die Stra\u00dfe. Der Leiter der Evangelischen Akademie in Ost-Berlin, Walter Bindemann, berichtet, dass bei F\u00fcrbittandachten in den vergangenen Wochen mehr als 150.000 Mark f\u00fcr Opfer von Polizeigewalt bei Demonstrationen gesammelt wurden. In der CSSR werden erste Demonstrationen von Polizei und Staatssicherheit gewaltsam aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>29.10. In Ost-Berlin, Leipzig und anderen Orten stellen sich hohe SED-Funktion\u00e4re in \u201eSonntagsgespr\u00e4chen\u201c den kritischen Fragen der Bev\u00f6lkerung. SED-Bezirkschef Schabowski k\u00fcndigt in Ost-Berlin an, dass k\u00fcnftig die Demonstration \u201ezur politischen Kultur der Stadt\u201c geh\u00f6ren werde. Bei einem Treffen der oppositionellen \u201eInitiative Frieden und Menschenrechte\u201c in Ost-Berlin sprechen sich die Teilnehmer f\u00fcr einen Volksentscheid \u00fcber die F\u00fchrungsrolle der SED aus. Ebenfalls in Ost-Berlin w\u00e4hlen die knapp 200 Vertreter der DDR-weiten Oppositionsgruppe \u201eDemokratischer Aufbruch\u201c den Rostocker Anwalt Wolfgang Schnur zu ihrem Vorsitzenden. Die Vereinigung hat nach eigenen Angaben 6.000 Mitglieder und strebt f\u00fcr 1990 den Parteistatus an. In zahlreichen Orten kommt es nach den morgendlichen Gottesdiensten zu friedlichen Protesten und Demonstrationen f\u00fcr gesellschaftliche Erneuerung.<\/p>\n<p>30.10. Mehr als 200.000 Menschen beteiligen sich in Leipzig an der w\u00f6chentlichen Montagsdemonstration. Das DDR-Fernsehen berichtet erstmals in einer Live-Sendung dar\u00fcber. Am selben Tag gehen unter anderem in Cottbus 20.000, in Halle 50.000, in Karl-Marx-Stadt 20.000, in P\u00f6\u00dfneck 5.000 und in Schwerin 40.000 Menschen auf die Stra\u00dfe. Die Ost-Berliner Tageszeitung \u201eNeue Zeit\u201c berichtet, dass der Meininger Oberkirchenrat Roland Hoffmann gegen\u00fcber dem Vorsitzenden des Bezirks Suhl, Arnold Zimmermann, ein Ende der Aufenthalts- und Zugangsbeschr\u00e4nkungen im DDR-Grenzgebiet gefordert habe. Das DDR-Fernsehen nimmt die Sendung \u201eDer schwarze Kanal\u201c des SED-Chef-Kommentators Karl-Eduard von Schnitzler nach fast 30 Jahren aus dem Programm.<\/p>\n<p>31.10. Das DDR-Innenministerium teilt mit, dass nunmehr die Zulassung der B\u00fcrgerinitiative \u201eNeues Forum\u201c gepr\u00fcft werde. Vertreter der G\u00f6rlitzer Kirchenleitung fordern in einem Gespr\u00e4ch mit dem Ratsvorsitzenden des Bezirks Dresden, G\u00fcnther Witteck (SED), ein ungehindertes Reisen in das benachbarte Polen. Das Volksbildungsministerium nimmt die 1988 erfolgte Relegierung von vier Sch\u00fclern der Ost-Berliner Carl-von-Ossietzky-Schule zur\u00fcck, die an der Wandtafel den Sinn von Milit\u00e4rparaden in Frage gestellt hatten. In der Lutherstadt Wittenberg demonstrieren am Reformationstag 15.000 Menschen. Sie heften ihre Forderungen als sieben Thesen an die Rathaust\u00fcr. In Nordhausen nehmen 10.000 Menschen an einer Kundgebung auf dem Marktplatz teil. Demonstrationen werden auch aus Meiningen, Mei\u00dfen, Weimar und anderen St\u00e4dtern gemeldet.<\/p>\n<p><strong>NOVEMBER 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.11. Egon Krenz trifft in Moskau zu einem dreist\u00fcndigen Gespr\u00e4ch mit Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow zusammen. Nach dem Gespr\u00e4ch \u00e4u\u00dfert er vor der Presse die Ansicht, dass die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Errichtung der Mauer weiter best\u00fcnden. Ihre \u00d6ffnung sei ein unrealistischer Gedanke. Zu den Demonstrationen in der DDR betont er, sie dienten dazu, das Leben in der DDR sch\u00f6ner zu machen. Am Abend kommt es in Frankfurt\/Oder Freital, Ilmenau, Neubrandenburg und zahlreichen weiteren Orten zu Demonstrationen f\u00fcr gesellschaftliche Erneuerung.<\/p>\n<p>2.11. In Erfurt demonstrieren 50.000, in Gera 10.000, in Guben 15.000 und in Halle 10.000 Menschen f\u00fcr Reformen. In Erfurt muss SED-Oberb\u00fcrgermeisterin Rosemarie Siebert (SED) ihre Ansprache nach wenigen S\u00e4tzen auf Grund von Pfeifkonzerten und lauten Sprechch\u00f6ren abbrechen. In Dresden werden gegen 70 Angeh\u00f6rige der Sicherheitskr\u00e4fte wegen \u00dcbergriffen auf Demonstranten Ermittlungsverfahren er\u00f6ffnet. Oberb\u00fcrgermeister Wolfgang Berghofer (SED) r\u00e4umt ein: \u201eEs hat eindeutig \u00dcbergriffe gegeben.\u201c Gewerkschaftschef Harry Tisch, mehrere SED-Bezirkschefs sowie Volksbildungsministerin Margot Honecker treten zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Vor der in Erfurt tagenden Synode der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen \u00e4u\u00dfert Bischof Christoph Demke massive Kritik an der SED-F\u00fchrungspraxis.<\/p>\n<p>3.11. Die DDR-Regierung beschlie\u00dft, dass B\u00fcrger der DDR das Land ohne Formalit\u00e4ten \u00fcber das Gebiet der Tschechoslowakei verlassen k\u00f6nnen. Daraufhin kommt es in den folgenden Tagen zu einer erneuten Ausreisewelle. Auch die nahezu 5.000 DDR-B\u00fcrger in der bundesdeutschen Botschaft in Prag k\u00f6nnen mit dem Zug direkt in die Bundesrepublik ausreisen. Das SED-Politb\u00fcro spricht sich f\u00fcr die Schaffung eines Verfassungsgerichts und die Einf\u00fchrung eines zivilen Wehrersatzdienstes aus. Das Ost-Berliner Stadtparlament beruft eine Kommission zur Untersuchung der \u00dcbergriffe vom 7. und 8. Oktober. Auf der in Erfurt tagenden Synode der evangelischen Kirchenprovinz Sachsen wird die Arbeit der DDR-Staatssicherheit massiv kritisiert. Viele Menschen h\u00e4tten die Sorge, dass die von der SED vollzogene \u201eWende\u201c von der Staatssicherheit wieder beendet werde, betont Propst Joachim Jaeger (Erfurt). Die DDR-F\u00fchrung erl\u00e4sst f\u00fcr den umstrittenen Bau eines Chemiewerkes in Dresden einen Baustopp. An mindestens 27 Orten gehen wieder Tausende f\u00fcr Reformen auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>4.11. Die Ost-Berliner Innenstadt erlebt die gr\u00f6\u00dfte nicht-staatliche Demonstration in der DDR-Geschichte mit nahezu einer Million Teilnehmern. Unter den Rednern der Abschlusskundgebung auf dem Alexanderplatz sind die Schriftsteller Christa Wolf, Christoph Hein, Stefan Heym sowie als Vertreter der neuen oppositionellen Vereinigungen Marianne Birthler, Konrad Elmer, Jens Reich und Friedrich Schorlemmer. Auf Vorbehalte sto\u00dfen Redner wie Markus Wolf und G\u00fcnter Schabowski, die mehrfach ausgepfiffen werden. Das Fernsehen \u00fcbertr\u00e4gt die Veranstaltungen direkt und unangek\u00fcndigt. In Magdeburg demonstrieren 40.000, in Altenburg 12.000 sowie in Arnstadt und Potsdam mehrere Tausend Menschen. Insgesamt gehen an diesem Tag die Menschen in rund 50 Orten auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>5.11. In der Ost-Berliner Gethsemanekirche setzen Mitglieder der Staatskapelle mit einem weiteren \u201eKonzert gegen Gewalt\u201c die Aktionen gegen Gewaltmissbrauch in Staat und Gesellschaft fort und \u00fcbergeben 8.000 Mark f\u00fcr den Solidarit\u00e4tsfonds zu Gunsten der Opfer der \u00dcbergriffe. Zehntausende demonstrieren in Dresden f\u00fcr besseren Umweltschutz. In Gera fordern Demonstranten die Streichung des SED-F\u00fchrungsanspruchs aus der Verfassung. In Greifswald entzieht die Synode der pommerschen Kirche ihrem seit 1972 amtierenden Bischof Horst Gienke nach mehrmonatigen Kontroversen um seine Amtsf\u00fchrung und um die Einladung von Erich Honecker in den Dom der Hansestadt das Vertrauen.<\/p>\n<p>6.11. Die DDR-Medien ver\u00f6ffentlichen den Entwurf eines Reisegesetzes. Danach kann jeder B\u00fcrger der DDR f\u00fcr maximal 30 Tage pro Jahr ins Ausland reisen, sofern er dies beantragt und eine Genehmigung erh\u00e4lt. Der Entwurf st\u00f6\u00dft auf heftige \u00f6ffentliche Kritik. Der zust\u00e4ndige Volkskammerausschuss verwirft die Vorlage bereits am n\u00e4chsten Tag. In Ost-Berlin wird der Aufruf zur Gr\u00fcndung einer \u201eGr\u00fcnen Partei\u201c verbreitet. Am Abend kommt es zur bislang gr\u00f6\u00dften Protestwelle im Land. In mehr als 70 Orten gehen die Menschen auf die Stra\u00dfen. Aus Dresden werden \u00fcber 100.000, aus Halle 60.000 und aus Karl-Marx-Stadt 50.000 Demonstranten gemeldet. In Leipzig, wo sich \u00fcber 200.000 Menschen an der Montagsdemonstration beteiligen, wehren Mitglieder des \u201eNeuen Forums\u201c einen Marsch auf die Stasi-Zentrale in der Messestadt ab. In Ost-Berlin ordnet Stasi-Chef Erich Mielke (SED) die Vernichtung der Akten an.<\/p>\n<p>7.11. Nach harscher Kritik am Reisegesetz tritt der DDR-Ministerrat unter Willi Stoph geschlossen zur\u00fcck. Vor dem Geb\u00e4ude des SED-Zentralkomitees in Ost-Berlin kommt es zu einer ersten Demonstration von mehreren Tausend SED-Genossen. Sie kritisieren den<\/p>\n<p>Wahlbetrug vom 7. Mai und fordern den R\u00fccktritt der Parteif\u00fchrung. Demonstrationen werden am Abend auch aus mehr als 30 weiteren DDR-Orten gemeldet. Die vom Ost-Berliner Magistrat eingesetzte Kommission zur Untersuchung der gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffe auf friedliche Demonstranten streitet sich auf ihrer ersten Zusammenkunft \u00fcber Struktur- und Verfahrensfragen. Nach Kontroversen um die Zusammensetzung einigt sich das Gremium darauf, k\u00fcnftig zusammen mit der unabh\u00e4ngigen Kommission zu tagen, die von kirchlichen und nichtkirchlichen Oppositionsgruppen getragen wird. Vor der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Bad Krozingen ruft deren Pr\u00e4ses J\u00fcrgen Schmude zu \u201enachhaltiger Hilfe\u201c f\u00fcr die Menschen in der DDR auf. Im West-Berliner \u201eRias\u201c warnt der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Martin Kruse, vor Bevormundung der Ostdeutschen und vor der Vorstellung, die Wiedervereinigung durch Anschluss zu erreichen.<\/p>\n<p>8.11. Das Politb\u00fcro tritt geschlossen zur\u00fcck. Vor dem Geb\u00e4ude des SED-Zentralkomitees demonstrieren 15.000 SED-Genossen. Egon Krenz wird erneut zum Generalsekret\u00e4r gew\u00e4hlt. Noch immer verlassen t\u00e4glich etwa 10.000 Menschen das Land. Das Neue Forum (NF) wird als Vereinigung zugelassen.<\/p>\n<p>9.11. Der Sprecher des SED-Zentralkomitees, G\u00fcnter Schabowski, teilt auf einer Internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin mit, dass der Ministerrat auf Beschluss des Politb\u00fcros eine Reiseregelung beschlossen habe, die eine kurzfristige Erteilung von Visa ohne Voraussetzungen vorsieht. Noch am selben Abend str\u00f6men Tausende in Ost-Berlin zu den Grenz\u00fcberg\u00e4ngen. Am sp\u00e4teren Abend geben die Grenzbeh\u00f6rden dem Druck nach und lassen die Menschen in beide Richtungen unbehelligt passieren. Sprecher der oppositionellen Gruppen sowie neuer und etablierter Parteien sprechen sich in Ost-Berlin f\u00fcr eine \u201egro\u00dfe Koalition der politischen Vernunft\u201c aus. Nur eine solche Koalition k\u00f6nne die vielf\u00e4ltigen Probleme in Staat und Gesellschaft am \u201erunden Tisch\u201c l\u00f6sen, betont Pfarrer Rainer Eppelmann vom \u201eDemokratischen Aufbruch\u201c. Die EKD-Synode unterstreicht in Bad Krozingen ihre Verbundenheit mit den DDR-Kirchen und ruft zu Dankgottesdiensten auf.<\/p>\n<p>10.11. In West-Berlin feiern Hunderttausende den Fall der Mauer. Auch vor den Grenz\u00fcberg\u00e4ngen nach Westdeutschland stauen sich die Schlangen. An mehreren Stellen der Mauer werden Durchbr\u00fcche geschaffen. Es kommt zu \u00fcberschw\u00e4nglichen Freudenszenen; fremde Menschen umarmen sich, singen, tanzen und jubeln. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) bricht seinen Polen-Besuch ab, um am Abend vor dem Sch\u00f6neberger Rathaus in West-Berlin auf einer Kundgebung zu sprechen. Der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt pr\u00e4gt dort den Satz \u201eJetzt w\u00e4chst zusammen, was zusammengeh\u00f6rt\u201c. Der amtierende DDR-Innenminister Friedrich Dickel k\u00fcndigt weitere \u00dcberg\u00e4nge an. An einer Kundgebung der SED im Ost-Berliner Lustgarten nehmen rund 100.000 Parteimitglieder teil. Die DDR-CDU w\u00e4hlt in Ost-Berlin Rechtsanwalt Lothar de Maiziere zu ihrem Vorsitzenden. In Bad Krozingen ermuntert der EKD-Ratsvorsitzende Martin Kruse, die Besucher aus der DDR gastfreundlich aufzunehmen. Der Pr\u00e4sident des Diakonischen Werkes, Karl Heinz Neukamm (Stuttgart), appelliert an die Kirchen, ihre Freizeit- und Erholungsheime f\u00fcr DDR-\u00dcbersiedler zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p>11.11. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und SED-Generalsekret\u00e4r Egon Krenz er\u00f6rtern in einem Telefongespr\u00e4ch M\u00f6glichkeiten einer Intensivierung der Zusammenarbeit und einigen sich auf eine baldige pers\u00f6nliche Begegnung. An der West-Grenze der DDR str\u00f6men Hunderttausende mit Fahrzeugen Richtung Bundesrepublik. Es entstehen Staus von \u00fcber 50 Kilometern L\u00e4nge. Auf westlicher Seite werden die Besucher in volksfestartiger Weise begr\u00fc\u00dft. Der Verkehr in den grenznahen Gebieten bricht teilweise zusammen. Zu Verz\u00f6gerungen kommt es besonders auch bei der Auszahlung des Begr\u00fc\u00dfungsgeldes. Die<\/p>\n<p>Leitung des evangelischen Kirchenbundes mahnt zur Besonnenheit und unterstreicht die Forderung nach freien und geheimen Wahlen sowie \u201eWahrhaftigkeit in der Information\u201c. Ungeachtet der Mauer\u00f6ffnung setzen die Menschen ihre Proteste f\u00fcr demokratische Reformen in \u00fcber 20 Orten fort.<\/p>\n<p>12.11. In Leipzig demonstrieren 6.000 SED-Genossen gegen den \u00f6rtlichen Parteiapparat. Auch in anderen St\u00e4dten der DDR finden Kundgebungen und Versammlungen der SED statt, auf denen die Basis eine \u201eErneuerung der Partei von unten\u201c fordert. Das Neue Forum appelliert in einer Erkl\u00e4rung an die DDR-Bev\u00f6lkerung, sich nicht von der Forderung nach politischen Reformen abbringen zu lassen. \u201eWir werden f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit arm bleiben, aber wir wollen keine Gesellschaft haben, in der Schieber und Ellenbogentypen den Rahm absch\u00f6pfen.\u201c<\/p>\n<p>13.11. Volkskammerpr\u00e4sident Horst Sindermann(SED) tritt zur\u00fcck. Sein Nachfolger wird der Chef der Bauernpartei, G\u00fcnther Maleuda. Nach Abberufung des amtierenden Ministerrates w\u00e4hlt die Volkskammer den \u201eReformkommunisten\u201c Hans Modrow zum neuen Ministerpr\u00e4sidenten. Die DDR hebt die Sperrzonen entlang ihrer Grenzen auf. In zahlreichen Orten gehen die Montagsdemonstrationen trotz Mauer\u00f6ffnung und Reiseerleichterung weiter. In Leipzig nehmen am w\u00f6chentlichen Marsch \u00fcber den Innenstadtring rund 200.000 Menschen teil. \u00dcber Megafon warnen Sprecher des \u201eNeuen Forums\u201c vor einem \u201eAusverkauf\u201c des Landes. Erneut demonstriert wird unter anderem in Cottbus, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg, Neubrandenburg und Schwerin. In Greifswald erkl\u00e4rt Bischof Horst Gienke seinen R\u00fccktritt. Er zieht damit die Konsequenz aus der vielf\u00e4ltigen Kritik an seinem kirchenpolitischen Kurs.<\/p>\n<p>14.11. F\u00fchrende Vertreter der evangelischen Kirchen in der Bundesrepublik rufen zur Unterst\u00fctzung der zahlreichen Besucher aus der DDR, aber auch der Menschen in der DDR auf. Die evangelische Kirche sei die \u201ewirksamste Klammer\u201c zwischen beiden deutschen Staaten, erkl\u00e4rt der rheinische Pr\u00e4ses Peter Beier (D\u00fcsseldorf). Der Ost-Berliner Konsistorialpr\u00e4sident Manfred Stolpe gesteht bei der Entgegennahme der Ehrendoktorw\u00fcrde in Greifswald selbstkritisch ein, dass die Kirchenleitungen zu lange Geduld gepredigt und Unruhige beschwichtigt h\u00e4tten, \u201ewo es richtiger gewesen w\u00e4re, sich ihren Protest voll zu eigen zu machen\u201c. In gut 30 Orten gehen am Abend wieder Tausende zu Demonstrationen auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>15.11. Die Bundesregierung beschlie\u00dft, die Mittel f\u00fcr das an Besucher aus der DDR gezahlte \u201eBegr\u00fc\u00dfungsgeld\u201c auf knapp 780 Millionen Mark zu erh\u00f6hen. In Ost-Berlin kommt es erstmals zu einem Fachgespr\u00e4ch \u00fcber schulisch-p\u00e4dagogische Fragen zwischen Vertretern der evangelischen Kirche und des DDR-Volksbildungsministeriums. Dabei gehen die DDR-Bildungspolitiker erstmals auf Distanz zu der seit Jahren propagierten \u201ekommunistischen Erziehung\u201c. Die Politiker Kurt Biedenkopf (CDU) und Georg Leber (SPD) schlagen die Gr\u00fcndung einer \u201eSolidarit\u00e4tsstiftung des deutschen Volkes\u201c zur Verbesserung der Lebensbedingungen in der DDR vor. Aus \u00fcber 30 St\u00e4dten werden Demonstrationen gemeldet.<\/p>\n<p>16.11. Die \u201eBerliner Zeitung\u201c (SED) und die \u201eNeue Zeit\u201c (DDR-CDU) beginnen damit, auch die Programme westlicher Fernsehsender zu ver\u00f6ffentlichen. In Bonn erkl\u00e4rt Bundeskanzler Kohl, dass seine Regierung am Ziel der Wiedervereinigung festhalte, sie aber den Menschen in der DDR nicht aufzwingen wolle. Der DDR sichert er wirtschaftliche Hilfe zu. Voraussetzung sei allerdings ein grundlegender Wandel des politischen und wirtschaftlichen Systems. Als erstes Mitglied des Warschauer Paktes stellt Ungarn einen Aufnahmeantrag f\u00fcr den Europarat.<\/p>\n<p>17.11. Ministerpr\u00e4sident Modrow stellt in der Volkskammer sein neues Kabinett mit 28 Ministern vor. 16 von ihnen geh\u00f6ren der SED, vier der LDPD, drei der DDR-CDU und je zwei der DBD und der NDPD an. In seiner Regierungserkl\u00e4rung k\u00fcndigt er einschneidende Reformen des politischen Systems, der Wirtschaft, des Bildungswesens und der Verwaltung an. Das Ziel sei eine \u201eneue sozialistische Gesellschaft\u201c. Der Bundesregierung schl\u00e4gt er einen Ausbau der Beziehungen hin zu einer \u201eVertragsgemeinschaft\u201c vor. Spekulationen \u00fcber eine Wiedervereinigung erteilt Modrow eine klare Absage. Das Innenministerium hat nach eigenen Angaben inzwischen 154 neue politische Gruppierungen registriert. Tausende demonstrieren am Abend in \u00fcber 25 St\u00e4dten gegen das Machtmonopol der SED.<\/p>\n<p>18.11. Hunderttausende DDR-B\u00fcrger starten am zweiten Wochenende mit offener Grenze zu Kurzbesuchen nach Westdeutschland und West-Berlin. Trotz z\u00fcgiger Abfertigung kommt es zu kilometerlangen Staus an den Grenz\u00fcberg\u00e4ngen. Die DDR-Volkskammer beruft einen Untersuchungsausschuss zur \u00dcberpr\u00fcfung von Amtsmissbrauch und Korruption. Vor der Volkskammer berichtet DDR-Generalstaatsanwalt G\u00fcnter Wendland, dass bei den gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen der Sicherheitskr\u00e4fte Anfang Oktober 3.456 Personen \u201ezugef\u00fchrt\u201c und gegen 630 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden seien. In Ost-Berlin, Dresden, Leipzig und mindestens 24 weiteren Orten demonstrieren weit \u00fcber 150.000 Menschen gegen den F\u00fchrungsanspruch der SED und f\u00fcr freie Wahlen. An der ersten offiziell genehmigten Kundgebung des \u201eNeuen Forums\u201c nehmen in der Messestadt \u00fcber 50.000 Menschen teil. Das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit wird in \u201eAmt f\u00fcr Nationale Sicherheit\u201c umbenannt.<\/p>\n<p>19.11. Trotz reger Reisewelle und in Aussicht gestellter Reformen kommt es \u00fcberall im Land zu Demonstrationen und Protesten. In Dresden fordern 70.000 Menschen freie Wahlen und das Ende des SED-Machtanspruchs. In Potsdams Erl\u00f6serkirche diskutieren Vertreter des \u201eNeuen Forums\u201c mit dem Rektor der SED-Akademie f\u00fcr Gesellschaftswissenschaften, Otto Reinhold. In Ost-Berlin beginnt der Grafiker Manfred Butzmann die Mauer von der Ostseite zu bemalen.<\/p>\n<p>20.11. Die Bundesregierung nennt freie Wahlen, Zulassung oppositioneller Parteien, Verzicht auf SED-F\u00fchrungsanspruch, Einf\u00fchrung marktwirtschaftlicher Mechanismen sowie Reiseerleichterungen und Abschaffung des Pflichtumtausches f\u00fcr Bundesb\u00fcrger als Vorbedingung f\u00fcr Wirtschaftshilfe. In \u00fcber 40 Orten demonstrieren wieder Tausende f\u00fcr Reformen, rund 250.000 Menschen allein in Leipzig und 50.000 in Halle. Den Aufruf des \u201eNeuen Forums\u201c mit der Forderung nach freien Wahlen und demokratischen Reformen haben inzwischen mehr als 200.000 Menschen unterzeichnet. In Prag demonstrieren Hunderttausende gegen das Machtmonopol der Kommunisten. Der rum\u00e4nische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu (1918-1989) lehnt auf dem Parteikongress der KP in Bukarest jegliche Reformen ab.<\/p>\n<p>21.11. Sprecher des \u201eNeuen Forums\u201c er\u00f6rtern in einem mehrst\u00fcndigen Gespr\u00e4ch mit dem SED-Bezirkschef von Karl-Marx-Stadt, Norbert Kertscher, Fragen der Verfassungsreform, des Wahlgesetzes und der Rechtssicherheit. Die Reformgruppe \u201eDemokratie Jetzt\u201c l\u00e4dt alle oppositionellen Gruppen und Parteien zu einem \u201eRunden Tisch\u201c ein, um zu einem abgestimmten Handeln zu kommen. In \u00fcber 20 Orten der DDR gehen wieder Tausende auf die Stra\u00dfe. Immer h\u00e4ufiger werden die Aufl\u00f6sung der DDR-Staatssicherheit und der Zugang zu ihren Akten gefordert.<\/p>\n<p>22.11. Die SED-F\u00fchrung erkl\u00e4rt sich auf Dr\u00e4ngen der Opposition zu Gespr\u00e4chen \u00fcber die Zukunft des Landes an einem zentralen \u201eRunden Tisch\u201c bereit. \u201eDemokratie Jetzt\u201c fordert von<\/p>\n<p>der SED-F\u00fchrung die Offenlegung des gesamten Parteienverm\u00f6gens sowie der Devisenbeschaffung durch parteieigene Au\u00dfenhandelsbetriebe. Die DDR-CDU unter ihrem neuen Vorsitzenden Lothar de Maizi\u00e8re spricht sich in einer Erkl\u00e4rung f\u00fcr eine \u201eKonf\u00f6deration\u201c beider deutscher Staaten aus, in der sich die \u201eEinheit der Nation\u201c widerspiegeln soll. Am Abend kommt es in rund 20 Orten zu Demonstrationen gegen die SED und die Staatssicherheit.<\/p>\n<p>23.11. Der Leiter des neuen \u201eAmtes f\u00fcr Nationale Sicherheit\u201c, Wolfgang Schwanitz, k\u00fcndigt an, der fr\u00fchere DDR-Geheimdienst werde um 8.000 Mitarbeiter verkleinert.<\/p>\n<p>Die SED schlie\u00dft den f\u00fcr Wirtschaftsfragen zust\u00e4ndigen SED-Funktion\u00e4r G\u00fcnter Mittag aus der Partei aus, gegen Erich Honecker wird ein Parteiverfahren eingeleitet. Gleichzeitig werden Robert Havemann, Rudolf Herrnstadt, Lex Ende und Walter Janka rehabilitiert. In Erfurt, Gera, Rostock und anderen St\u00e4dten demonstrieren erneut Zehntausende f\u00fcr Reformen in der DDR. In Prag tritt die F\u00fchrung der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei zur\u00fcck.<\/p>\n<p>24.11. Die Oppositionsgruppen in der DDR einigen sich in Ost-Berlin darauf, den Dialog am Runden Tisch mit der SED und den Blockparteien am 7. Dezember zu beginnen. Einer Umfrage von DDR-Soziologen zufolge wollen 83 Prozent der Bev\u00f6lkerung, dass die DDR als ein souver\u00e4ner sozialistischer Staat erhalten bleibt. In Prag dankt die kommunistische Regierung auf Druck der B\u00fcrgerbewegung unter Alexander Dubcek und Vaclav Havel ab. Bei den abendlichen Demonstrationen wird die Nachricht mit st\u00fcrmischem Beifall begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>25.11. In 17 Orten gehen die Menschen wieder auf die Stra\u00dfe. In Plauen\/Vogtland nehmen an der w\u00f6chentlichen Demonstration trotz Schnee und Eis rund 5.000 Menschen teil. Dabei wird erstmals auch die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten gefordert.<\/p>\n<p>26.11. Namhafte Pers\u00f6nlichkeiten der DDR und Angeh\u00f6rige von Reformgruppen ver\u00f6ffentlichen einen Aufruf, der sich f\u00fcr eine eigenst\u00e4ndige DDR ausspricht. Er tr\u00e4gt den Titel \u201eF\u00fcr unser Land\u201c und pl\u00e4diert f\u00fcr eine solidarische Gesellschaft, die Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des Einzelnen, Freiz\u00fcgigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gew\u00e4hrleitet. Zu den Erstunterzeichnern geh\u00f6ren die Schriftsteller Christa Wolf, Volker Braun und Stefan Heym sowie der Theologe Friedrich Schorlemmer. Das \u201eNeue Forum\u201c beendet in Ost-Berlin eine zweit\u00e4gige Konferenz mit Experten aus Ost und West \u00fcber Wirtschaftsreformen in der DDR.<\/p>\n<p>27.11. In mehreren St\u00e4dten beteiligen sich Hunderttausende an Kundgebungen und Demonstrationen f\u00fcr demokratische Erneuerung. In Leipzig fordern etwa 200.000 Menschen freie Wahlen, Meinungsfreiheit und Bestrafung ehemaliger SED-Funktion\u00e4re. Erstmals ert\u00f6nt auch der Ruf \u201eDeutschland, einig Vaterland\u201c. In Schwerin fordern 10.000 Demonstranten in Sprechch\u00f6ren \u201eStasi in die Volkswirtschaft\u201c.<\/p>\n<p>28.11. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) schl\u00e4gt in Bonn in einem \u201eZehn-Punkte-Programm zur \u00dcberwindung der deutschen Teilung Deutschlands und Europas\u201c die Bildung einer deutsch-deutschen Konf\u00f6deration vor. Nach anf\u00e4nglicher Zustimmung r\u00fccken FDP und SPD von dem Plan ab, da weder die Alliierten vorab unterrichtet wurden, noch die polnische Westgrenze zugesichert sei. Der Dresdner Superintendent Christof Ziemer \u00e4u\u00dfert sich besorgt \u00fcber die Eskalation der sozialen Probleme im Land.<\/p>\n<p>29.11. DDR-Kulturminister Dietmar Keller teilt mit, dass zum 1. Dezember die Vorzensur f\u00fcr B\u00fccher abgeschafft wird. Der stellvertretende Umweltminister Frank Herrmann ruft die<\/p>\n<p>Kirchen und ihre Umweltgruppen zu engerer Zusammenarbeit auf. Am Abend fordern Zehntausende bei Demonstrationen in zahlreichen Orten den konsequenten Abbau von Privilegien und eine l\u00fcckenlose Aufdeckung von Korruption und Amtsmissbrauch. Wiederholt kritisiert wird auch Kohls Zehn-Punkte-Plan. Der DDR-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz sowie Ministerpr\u00e4sident Hans Modrow schlie\u00dfen sich dem Aufruf \u201eF\u00fcr unser Land \u2013 zur Bewahrung der Eigenst\u00e4ndigkeit der DDR\u201c an. In der CSSR wird der F\u00fchrungsanspruch der Partei aus der Verfassung gestrichen.<\/p>\n<p>30.11. In Erfurt und anderen St\u00e4dten demonstrieren wieder Zehntausende gegen Korruption und Amtsmissbrauch. Aus gleichem Anlass kommt es auch zu einigen Warnstreiks. In Rostock und Gera fordern die Demonstranten die Aufl\u00f6sung der Staatssicherheit. Die tschechoslowakische Regierung gibt den Abbau der Grenzsperren zu \u00d6sterreich bekannt.<\/p>\n<p><strong>DEZEMBER 1989<\/strong><\/p>\n<p>1.12. Die DDR-Volkskammer streicht die \u201ef\u00fchrende Rolle\u201c der SED aus der Verfassung. In einem weiteren Beschluss entschuldigt sie sich beim Volk der Tschechoslowakei f\u00fcr die Teilnahme der DDR am Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag 1968. Der Bundestag in Bonn billigt ohne die Stimmen von SPD und Gr\u00fcnen das Zehn-Punkte-Programm von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). 13 Jahre nach seiner Ausb\u00fcrgerung gibt Wolf Biermann in Leipzig erstmals wieder ein Konzert in der DDR. In \u00fcber 15 Orten gehen am Abend die Menschen wieder auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>2.12. Vor dem SED-Zentralkomitee fordern Tausende Parteimitglieder eine radikale Erneuerung ihrer Partei sowie den R\u00fccktritt der Parteif\u00fchrung. Zentrale Forderung bei Demonstrationen in 28 St\u00e4dten ist das Ende der SED-Herrschaft und die Aufl\u00f6sung der Staatssicherheit. Ein Bericht des Untersuchungsausschusses der DDR-Volkskammer legt Korruption in der SED-Spitze offen. Daraufhin kommt es im Parlament zu Tumulten. Auch beim Gipfeltreffen von US-Pr\u00e4sident George Bush und dem sowjetischen Pr\u00e4sidenten Michail Gorbatschow steht die deutsche Frage im Mittelpunkt.<\/p>\n<p>3.12. Politb\u00fcro und Zentralkomitee der SED erkl\u00e4ren ihren R\u00fccktritt. Erich Honecker, Willi Stoph, Erich Mielke und zahlreiche andere ehemalige SED-Spitzenfunktion\u00e4re werden aus der Partei ausgeschlossen. Der Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung, Alexander Schalck-Golodkowski, fl\u00fcchtet \u00fcber West-Berlin in den Westen. Mit einer Menschenkette von Sa\u00dfnitz auf der Insel R\u00fcgen bis nach Zittau an der Grenze zur Tschechoslowakei bekr\u00e4ftigen Tausende DDR-B\u00fcrger aller Altersstufen ihren Willen zur gesellschaftlichen Erneuerung. Die ehemaligen Politb\u00fcromitglieder G\u00fcnter Mittag (1926-1994) und Harry Tisch (1927-1995) werden wegen schwerer Sch\u00e4digung des Volkseigentums und der Volkswirtschaft verhaftet. Am Abend gehen wieder Tausende auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>4.12. In Erfurt dringen am Vormittag erstmals aufgebrachte B\u00fcrger in die Dienststelle des ehemaligen Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit ein, um zu verhindern, dass Stasi-Akten als Beweismaterial vernichtet werden. Die Nachricht \u00fcber die Besetzung der Erfurter Beh\u00f6rde, die inzwischen den Namen \u201eAmt f\u00fcr Nationale Sicherheit\u201c tr\u00e4gt, breitet sich in der gesamten DDR wie ein Lauffeuer aus und f\u00fchrt am Abend zu weiteren Besetzungen. In einem \u201eAppell der Vernunft\u201c fordern prominente K\u00fcnstler, Wissenschaftler, Kirchenleute und SED-Funktion\u00e4re von der DDR-Regierung, ab sofort sogenannte \u201eB\u00fcrgerkomitees\u201c an der Aufkl\u00e4rung von Korruption und Machtmissbrauch zu beteiligen. Die DDR-CDU verl\u00e4sst wie die LDPD den Demokratischen Block und fordert Egon Krenz dazu auf, vom Vorsitz im Staatsrat und im Nationalen Verteidigungsrat zur\u00fcckzutreten. Die SDP schl\u00e4gt den 6. Mai 1990 als Termin f\u00fcr freie Wahlen vor. An den abendlichen Demonstrationen in rund 60 Orten<\/p>\n<p>beteiligen sich in Dresden, Karl-Marx-Stadt und Magdeburg jeweils rund 60.000 Menschen. In Leipzig sind \u00fcber 150.000 Demonstranten auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>5.12. Kanzleramtsminister Rudolf Seiters (CDU) vereinbart bei einem Treffen mit Ministerpr\u00e4sident Hans Modrow (SED) einen gemeinsamen Devisenfonds sowie die Aufhebung von Zwangsumtausch und Visumspflicht. In Ost-Berlin tritt die Leitung des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit, das Kollegium, geschlossen zur\u00fcck. In Suhl und 30 anderen Orten erzwingen Demonstranten den Zugang zu den ehemaligen Stasi-Beh\u00f6rden.<\/p>\n<p>6.12. Egon Krenz tritt als Staatsratsvorsitzender und als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates zur\u00fcck. Sein Nachfolger wird der Vorsitzende der LDPD, Manfred Gerlach. Auf Einladung mehrerer Oppositionsgruppen besucht der Dalai Lama erstmals Ost-Berlin. In rund 20 \u00fcberwiegend kleineren Orten der DDR kommt es am Abend wieder zu Demonstrationen, die sich vor allem gegen die Machenschaften der Staatssicherheit richten. In West-Berlin stellt sich der DDR-Devisenbeschaffer und Staatssekret\u00e4r im Ministerium f\u00fcr Au\u00dfenhandel, Alexander Schalck-Golodkowski, der Polizei. In der DDR wird gegen ihn der Vorwurf der \u201eVeruntreuung von Volkseigentum\u201c erhoben.<\/p>\n<p>7.12. Im Ost-Berliner Dietrich-Bonhoeffer-Haus tritt der zentrale \u201eRunde Tisch\u201c der DDR zu seiner ersten Sitzung zusammen und beschlie\u00dft, mit der Arbeit an einer neuen Verfassung sofort zu beginnen. Die eigene Arbeit soll nach dem Willen der vorerst 32 Mitglieder des Runden Tisches bis zu den ersten freien, demokratischen und geheimen Wahlen in der DDR fortgesetzt werden. Gefordert wird unter anderem die sofortige Aufl\u00f6sung des aus dem Stasi-Ministerium hervorgegangenen Amtes f\u00fcr Nationale Sicherheit. Beschlossen wird zudem, am 6. Mai 1990 die ersten freien Wahlen abzuhalten. In Erfurt demonstrieren \u00fcber 15.000 Menschen gegen Gewalt, Rache und Ausl\u00e4nderfeindlichkeit. Am Abend werden aus \u00fcber 23 Orten Demonstrationen gemeldet.<\/p>\n<p>8.12. Gegen mehrere SED-Spitzenfunktion\u00e4re wie Erich Honecker, Erich Mielke und Willi Stoph werden Ermittlungen wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs und der Korruption eingeleitet. Ministerpr\u00e4sident Hans Modrow ordnet die Aufl\u00f6sung des Amtes f\u00fcr Nationale Sicherheit an und beauftragt die Polizei mit der Sicherung der ehemaligen Stasi-Objekte. In den Gef\u00e4ngnissen versch\u00e4rft sich die Situation trotz der am Vortag erlassenen Teilamnestie. Die abendlichen Demonstrationen richten sich erneut gegen die anhaltende Vorherrschaft der SED, die in Ost-Berlin zu einem Sonderparteitag zusammengekommen ist. Die Leitung des evangelischen Kirchenbundes in der DDR beschlie\u00dft auf einer Sondertagung in Ost-Berlin einen Appell an die Menschen im Land, die gegenw\u00e4rtigen Aufgaben ohne Gewalt und Rache, sondern im \u201eGeist der Vers\u00f6hnung\u201c zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>9.12. In Gera ruft die Bezirksverwaltung des Amtes f\u00fcr Nationale Sicherheit zum Putsch gegen die Friedliche Revolution auf. In Plauen fordern \u00fcber 10.000 Demonstranten einen Volksentscheid zur Wiedervereinigung. Die SED w\u00e4hlt auf ihrem Parteitag in Ost-Berlin Gregor Gysi zum neuen Vorsitzenden. Seine Stellvertreter werden Hans Modrow und der Dresdner Oberb\u00fcrgermeister Wolfgang Berghofer. Auf einem EG-Gipfel in Stra\u00dfburg billigen die Staats- und Regierungschefs in einer Grundsatzerkl\u00e4rung zum Wandel in Mittel- und Osteuropa den Deutschen das prinzipielle Recht auf Einheit zu. Der DDR-Kirchenbund beklagt in einer Erkl\u00e4rung \u201ealte Vorurteile\u201c in der DDR gegen\u00fcber Polen.<\/p>\n<p>Im Ost-Berliner Lustgarten demonstrieren Tausende f\u00fcr demokratische Rechte. In Dresden und Magdeburg gehen Kinder und Jugendliche f\u00fcr eine Erneuerung des Bildungswesens auf die Stra\u00dfe. In Plauen fordern \u00fcber 10.000 Demonstranten einen Volksentscheid zur Wiedervereinigung.<\/p>\n<p>10.12. Zum Tag der Menschenrechte finden erstmals in zahlreichen Orten der DDR Demonstrationen f\u00fcr Menschenrechte und gegen Ausl\u00e4nderfeindlichkeit statt. Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer wird in West-Berlin \u201estellvertretend f\u00fcr die Oppositionsbewegung in der DDR\u201c mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Liga f\u00fcr Menschenrechte ausgezeichnet.<\/p>\n<p>11.12. Auf den Montagsdemonstrationen wird der Ruf nach Wiedervereinigung immer st\u00e4rker. Erstmals seit 18 Jahren kommt in West-Berlin auf Einladung der Sowjetunion die Vierm\u00e4chtekonferenz im Alliierten Kontrollrat zusammen. Das \u201eNeue Forum\u201c stellt wegen des Verdachts der Verdunkelung durch Vernichtung strafrechtlich relevanter Akten gegen den ehemaligen SED-Staats- und Parteichef Egon Krenz und den amtierenden Leiter des Amtes f\u00fcr Nationale Sicherheit, Wolfgang Schwanitz, Strafanzeige.<\/p>\n<p>12.12. Als Folge der vom Staatsrat beschlossenen Amnestie werden die ersten politischen H\u00e4ftlinge freigelassen.<\/p>\n<p>13.12. SPD-Chef Hans-Jochen Vogel erkl\u00e4rt auf einer gemeinsamen Pressekonferenz beider sozialdemokratischen Parteien den Dialog mit der SED f\u00fcr beendet.<\/p>\n<p>14.12. Die Au\u00dfenminister der NATO-Staaten sprechen sich f\u00fcr die deutsche Einheit in freier Selbstbestimmung aus. Die B\u00fcrgerbewegung \u201eDemokratie Jetzt\u201c legt einen \u201eDreistufenplan zur nationalen Einigung\u201c vor.<\/p>\n<p>15.12. Auf dem Sonderparteitag der DDR-CDU wird der am 12. November gew\u00e4hlte Parteivorsitzende Lothar de Maizi\u00e8re im Amt best\u00e4tigt. Im Deutschen Theater in Ost-Berlin werden erstmals Texte des DDR-Regimekritikers Robert Havemann verlesen.<\/p>\n<p>16.12. Beim Gr\u00fcndungsparteitag des Demokratischen Aufbruchs in Leipzig wird der Rostocker Anwalt Wolfgang Schnur zum Vorsitzenden gew\u00e4hlt. In den westrum\u00e4nischen St\u00e4dten Temeswar und Arad bricht der offene Widerstand gegen das Ceausescu-Regime aus. Der Aufstand breitet sich auch auf die Hauptstadt Bukarest aus, wo sich die Armee schlie\u00dflich auf die Seite der Bev\u00f6lkerung stellt.<\/p>\n<p>17.12. Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker und DDR-Ministerpr\u00e4sident Hans Modrow besuchen \u00fcberraschend das Weihnachtssingen in der Potsdamer Nikolaikirche.<\/p>\n<p>18.12. Die Vertreter von Opposition und Regierungsparteien am zentralen \u201eRunden Tisch\u201c werfen bei ihrer zweiten Zusammenkunft in Ost-Berlin der Modrow-Regierung fehlende Kooperationsbereitschaft vor und fordern ein Kontroll- und Vetorecht f\u00fcr die weitere Regierungsarbeit. Eine weitere Forderung betrifft die generelle \u201eS\u00e4uberung\u201c der DDR-Justiz. In einer Erkl\u00e4rung verurteilt der \u201eRunde Tisch\u201c zudem das brutale Vorgehen der rum\u00e4nischen Regierung gegen das eigene Volk. An einem Schweigemarsch f\u00fcr die Opfer des Stalinismus beteiligen sich in Leipzig zwischen 150.000 und 200.000 Menschen. Ausgangspunkt ist die Nikolaikirche, in der zuvor das w\u00f6chentliche Friedensgebet stattgefunden hat. Auch in Dresden, Halle, Ost-Berlin, und Schwerin kommt es wieder zu Gro\u00dfdemonstrationen.<\/p>\n<p>19.12. Bundeskanzler Kohl trifft zu Gespr\u00e4chen mit Ministerpr\u00e4sident Hans Modrow in Dresden zusammen. Beide Regierungschefs vereinbaren Verhandlungen \u00fcber eine deutsch-deutsche Vertragsgemeinschaft. Kohl wird bei seiner Ansprache vor der Ruine der Frauenkirche von der Bev\u00f6lkerung umjubelt.<\/p>\n<p>20.12. Der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Fran\u00e7ois Mitterrand trifft zu einem dreit\u00e4tigen Staatsbesuch in der DDR ein. Mit ihm besucht erstmals ein Staatsoberhaupt der westlichen Siegerm\u00e4chte des Zweiten Weltkrieges die DDR.<\/p>\n<p>21.12. In der DDR wird der Schie\u00dfbefehl f\u00fcr die Grenztruppen offiziell aufgehoben. Die Regierung der CSSR l\u00f6st die Geheime Staatspolizei des Landes auf.<\/p>\n<p>22.12. In Berlin wird das Brandenburger Tor f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger ge\u00f6ffnet. Der zentrale \u201eRunde Tisch\u201c beklagt in Ost-Berlin, dass die schon am 7. Dezember geforderte Offenlegung der \u00f6kologischen, wirtschaftlichen und finanziellen Lage noch nicht erfolgt sei. In Rum\u00e4nien flieht Diktator Nicolae Ceausescu mit dem Hubschrauber aus Bukarest, wird kurze Zeit sp\u00e4ter aber zusammen mit seiner Frau verhaftet.<\/p>\n<p>23.12. Die Volksrepublik Polen und der Internationale W\u00e4hrungsfonds unterzeichnen ein Abkommen zur Sanierung der polnischen Wirtschaft.<\/p>\n<p>24.12. Mehr als eine halbe Million Bundesb\u00fcrger besuchen w\u00e4hrend der Weihnachtstage die DDR. Sie k\u00f6nnen erstmals ohne Visum und Zwangsumtausch in die DDR reisen. Auf einem Treffen in Ost-Berlin streiten Mitglieder des \u201eNeuen Forums\u201c dar\u00fcber, ob ihr Zusammenschluss Partei werden oder B\u00fcrgerbewegung bleiben soll.<\/p>\n<p>25.12. In Rum\u00e4nien wird der gest\u00fcrzte Diktator Nicolae Ceausescu mit seiner Frau von einem Milit\u00e4rtribunal zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet.<\/p>\n<p>26.12. Bundesau\u00dfenminister Dietrich Genscher und sein tschechischer Amtskollege Jiri Dienstbier schneiden in einem symbolischen Akt den Grenzzaun zwischen beiden Staaten am \u00dcbergang Waidhaus-Ro\u00dfhaupt durch. Zehntausende nutzen den zweiten Weihnachtsfeiertag f\u00fcr einen Spaziergang durch das vier Tage zuvor ge\u00f6ffnete Brandenburger Tor in Berlin. In Rum\u00e4nien wird eine provisorische Regierung gebildet und der Geheimdienst \u201eSecuritate\u201c zur Aufgabe gezwungen. Neues Staatsoberhaupt wird der fr\u00fchere kommunistische Parteifunktion\u00e4r Ion Iliescu.<\/p>\n<p>27.12. Beim vierten Treffen des zentralen \u201eRunden Tisches\u201c in Ost-Berlin verweisen Vertreter der Opposition darauf, dass die im Dezember erfolgte Vernichtung von Stasi-Akten offenbar auf Anweisung des DDR-Ministerrats erfolgt sei. Sprecher der Reformkr\u00e4fte fordern den DDR-Ministerrat auf, sie k\u00fcnftig vor wichtigen Entscheidungen zu informieren und sie zu beteiligen. Gewandhauskapellmeister Kurt Masur wird in Leipzig mit der Ehrenb\u00fcrgerw\u00fcrde geehrt. Der Oberste Sowjet der Sowjetrepublik Lettland macht den Weg zu einem Mehrparteiensystem im Land frei.<\/p>\n<p>28.12. Das tschechoslowakische Parlament w\u00e4hlt die Symbolfigur des Prager Fr\u00fchlings, Alexander Dubcek, zu seinem Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>29.12. Der Schriftsteller Vaclav Havel wird einstimmig zum neuen Staatspr\u00e4sidenten der Tschechoslowakei gew\u00e4hlt. In der bisherigen Volksrepublik Polen wird die Verfassung ge\u00e4ndert. Die Bestimmungen \u00fcber das B\u00fcndnis mit der Sowjetunion und den sozialistischen Staaten sowie die F\u00fchrungsrolle der kommunistischen Partei werden gestrichen und der fr\u00fchere Staatsname \u201eRzeczpospolita Polska\u201c (Republik Polen) wieder eingef\u00fchrt. Das Zentralkomitee der bulgarischen KP beschlie\u00dft, die Zwangsbulgarisierung der t\u00fcrkischen Minderheit einzustellen.<\/p>\n<p>30.12. In seiner vorab ver\u00f6ffentlichten Neujahrsansprache w\u00fcrdigt Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) den Kampf der Menschen in der DDR und den anderen Ostblock-Staaten f\u00fcr Freiheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung. In Karl-Marx-Stadt beraten Vertreter von Basisgruppen des Neuen Forums \u00fcber die Gr\u00fcndung einer Deutschen Forumspartei. Sie soll vorangegangene Initiativen zur Gr\u00fcndung einer Partei Neues Forum vereinen.<\/p>\n<p>31.12. In Rum\u00e4nien wird der Chef der gef\u00fcrchteten Geheimpolizei Securitate, General Julian Vlad, verhaftet. Am Brandenburger Tor in Berlin feiern hunderttausende Menschen aus Ost und West erstmals wieder gemeinsam die Silvesternacht. 135 Menschen werden verletzt, als eine Videowand des Jugendfernsehsenders \u201eElf 99\u201c dem Ansturm nicht mehr standh\u00e4lt und zusammenbricht. Die Bundesregierung stellt die Zahlung des Begr\u00fc\u00dfungsgeldes f\u00fcr DDR-B\u00fcrger ein. Im gesamten Monat Dezember sind 43.221 DDR-B\u00fcrger in die Bundesrepublik \u00fcbergesiedelt. Damit sind es seit dem Bau der Berliner Mauer insgesamt knapp 500.000 Menschen, die die DDR seither legal verlassen haben. Hinzu kommen 15.287 Menschen, die als politische H\u00e4ftlinge von der Bundesregierung \u201efreigekauft\u201c wurden, sowie 460.000 DDR-Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"footer\" class=\"container_wrap footer_color\"><\/div>\n<\/div><\/section><\/p><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-462","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/freiheitsdenkmal-leipzig.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/462"}],"collection":[{"href":"https:\/\/freiheitsdenkmal-leipzig.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/freiheitsdenkmal-leipzig.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freiheitsdenkmal-leipzig.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freiheitsdenkmal-leipzig.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=462"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/freiheitsdenkmal-leipzig.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/462\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4035,"href":"https:\/\/freiheitsdenkmal-leipzig.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/462\/revisions\/4035"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/freiheitsdenkmal-leipzig.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=462"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}